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Oktober
1871.
8- 636. Der Gang des geschichtlichen Lebens seit dem Frankfurter Frieden. 529
Städte und der protestantischen Landesteile und die Hierarchie mit der Mehrheit deskatholischen Landvolkes und eines aus demselben hervorgegangenen zelotischen Klerus,unterstützt von einer alle Gesetze der Sitte und des Anstandes verletzenden Presse.
Der unerwartet rasche Tod des Ministerpräsidenten Hegnenberg führte in München ^Aunrkeinen Systemwechsel herbei. Um den ultramontanen Agitationen auf dem Rechts-weg entgegentreten zu können, wurde auf Anregung von Bayern dem Strafgesetzbuchein Zusatz beigefügt, welcher den Mißbrauch des geistlichen Amtes und der Kanzelzu politischen Wühlereien mit Gefängnisstrafe bis zu zwei Jahren bedrohte. SeitJahrzehnten hatte die römische Priesterherrschaft die Staatsgewalt zersetzt und lahmgelegt; jetzt wurde man mit Bestürzung gewahr, daß sich die Papstkirche zu einemorganisierten Gegenstaat ausgebildet, „der mit tausend und abertausend Polypen-armen den Körper der Gesellschaft umklammert hielt", daß die katholische Weltkirchemit ihrem auswärtigen Oberhaupte und mit ihrer streitfertigen geistlichen Miliz denweltlichen Nationalstaaten die Lebensadem unterbunden habe und jede freie Ent-wickelung zu verhindern suche. Die Hauptführer dieser hierarchischen Politik gingenaus jmem Orden hervor, der seit drei Jahrhunderten das friedliche Zusammenlebender Konfessionen gestört hat, dessen ganzes Streben auf die Begründung einer theo-kratisch-priesterlichen Weltordnung, auf die Universalherrschaft des Papstes gerichtetwar. Es war daher ganz natürlich, daß in allen nationalen und freisinnigen Kreisenkatholischen wie protestantischen Bekenntnisses auf Entfernung der Jesuiten aus demdeutschen Reiche gedrungen ward. Die „Gesellschaft Jesu", die auf dem römischenKonzil den Ausschlag gegeben, deren Geist die Kurie und den Episkopat durch-drungen hatte und beherrschte, war unverträglich mit einem Staatswesen, welchesdas bürgerliche und gesellschaftliche Leben nach eigenen Gesetzen ordnen, der Freiheitder Gewissen Geltung verschaffen, der wissenschaftlichen Forschung eine Ringbahnund Freistätte gewähren, Vernunft und Intelligenz in die seiner Leitung unterstellteSchule einführen wollte.
Z. 636. Bismarcks äußere und innere Politik. Auch im Jahre 1872hielt die auswärtige Politik des Fürsten Bismarck die angedeuteten Zielpunkte festim Auge: durch standhaftes Beharren bei dem Streben nach Erhaltung des Völker-friedens sollte den andern Mächten Vertrauen eingeflößt und die Regungen des Neidsund der Mißgunst verscheucht, zugleich aber auch durch Verbesserung, Ergänzung undStärkung der eigenen Wehrkräfte die Überzeugung geweckt werden, daß das neuepreußisch-deutsche Reich feindliche Angriffe zurückzuweisen imstande sei; daß es nichtaggressiv vorgehen, aber auch nicht vertrauensselig und unthätig einer ungewissen Zu-kunft zusteuern wolle. Zu dem Ende wurden in Straßburg und Metz neue Festungs-werke geschaffen, in allen deutschen Bundesländern die Landwehr nach preußischemMuster eingerichtet, das gesamte Kriegswesen in guten Stand gesetzt. Wie sehrimmer im gegnerischen Heerlager über den preußischen „Militarismus" geeifert ward,die Regierungen gedachten des alten Spruches: wer Frieden wolle, müsse zum Kriegegerüstet sein. — Zugleich suchte der Reichskanzler die östlichen Großmächte zu einerfreundschaftlichen Haltung zu bewegen und die hie und da noch immer hervortretendeungünstige Stimmung zu verscheuchen oder zu mildem. In Österreich sah die deutscheBevölkerung dem Aufschwung des stammverwandten Reiches mit Wohlwollen entgegenund die deutsche Presse verfehlte nicht, diese Gesinnung zu erhalten und zu beleben;dagegen wurzelten bei der Aristokratie, in den Kreisen der Ultramontanen und beiden nichtdeutschen Stämmen die Gefühle des Hasses, des Neides, des Argwohnes zutief, als daß diese einflußreichen Klassen zu einer ehrlichen Handreichung sich herbei-gelassen hätten; auch in Rußland waren die Empfindungen des Wohlwollens undder Freundschaft nur auf den Kaiserhof und auf wenige Glieder der höheren Gesell-schaft beschränkt, die Masse des Volkes und die moskowitische Aristokratie hielten sichkühl in der Ferne. Mit Geflissenheit ward dort die preußische Eroberungssucht ver-Weber, kl. Weltgeschichte. 34