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Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
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Z. 637.

Geschichtliche Rundschau.

dächtigt, als ob es auf eine Einverleibung der russischen Ostseeprovinzen abgesehensei. Bei solchen Bestrebungen mußte man in Berlin großen Wert darauf legen, dieWelt zu überzeugen, daß wenigstens bei den Herrschern selbst und bei ihren Rätendas beste Verhältnis bestehe, daß man in Wien wie in St. Petersburg die neuge-schaffeneOrdnung vertrauensvoll hinnehme. Dieses wichtige Resultat wurde erzielt durch^ 1872 .*' die Zusammenkunft der drei Kais er in Berlin. Es war nicht eine Erneuerungder heiligen Allianz gegen die Völkerfreiheit wie ehedem, als die drei mächtigstenMonarchen, begleitet von ihren Ministern des Auswärtigen, in der Hauptstadt desdeutschen Reichs sich freundschaftlich begrüßten, sich vertrauensvoll die Hand zu einempersönlichen Eintrachtsbund reichten; es war nur eine öffentliche Kundgebung, daßman die auf Grund des Präger und des Frankfurter Friedens geschaffene neue Ord-nung der Dinge in Europa als ein faktisch und rechtlich Bestehendes hinnehme.Diesesherzliche Einverständnis" der Ostmächte konnte also nur als neue Garantiedxz Friedens gelten. Schon vorher war durch den Besuch des Kronprinzen und derKronprinzessin von Italien in Berlin bei Gelegenheit einer Taufe in der preußischenkronprinzlichen Familie angedeutet worden, daß auch das apenninische Königreich beidem alten Bunde beharren wolle, ein Zeugnis, das im nächsten Jahr durch die ReiseViktor Emanuels selbst noch bekräftigt worden ist. Damit war ein Keil zwischen dieGemeinschaft der romanischen Völker hineingetrieben. Auch in den skandinavischenReichen wurde die Stimmung zu Deutschland eine günstigere, als nach dem TodeKarls XV. (18. September 1872) sein Bruder Oskar II. den Thron bestieg. Nach'der feierlichen Krönung in Stockholm und Drontheim stattete der Kronprinz des deut-1873. schen Reichs dem neuen König einen Besuch ab und wurde vom Hofe und von derBevölkerung mit der größten Auszeichnung empfangen. Die Rückreise machte erüber Kopenhagen und wußte auch dort freundlichere Gesinnung zu erzeugen. Seitdemvernarbten die Wunden, die der dänische Krieg geschlagen, mehr und mehr. DieseFriedensstellung nach außen gab dem Reichskanzler die Möglichkeit, den Ausbau desdeutschen Bundesstaates durch gesetzgeberische Arbeiten im Sinne der Einheit zu för-dern. Eine treffliche Stütze fand er dabei in dem Präsidenten des Reichskanzleramts,Del brück, einem höchst arbeitsamen und kenntnisreichen Mann von gemäßigt libe-ralen Grundsätzen und freihändlerischer Richtung. Daß der Reichskanzler auf alleWeise bedacht war, die Fürsten und Landesregierungen, die bei der Gründung desReichs manche schwere Opfer zu bringen hatten, durch rechtzeitige Schonung, durchkluges Nachgeben für die neue Ordnung zu gewinnen, zeugt von seinem großenstaatsmännischen Geschick. Im Reichsheer, in der Reichsmarine, in den Reichsge-sandtschaften stand die neue Schöpfung dem Auslande gegenüber als ein Ganzes da,und immer mehr suchte man auch die inneren Einrichtungen, soweit sie der Reichs-gesetzgebung überwiesen waren, in einheitlichem Sinn zu gestalten. In einer wich-tigen Angelegenheit wurde die Kompetenz des Reichs noch erweitert, indem auf einenw 73 *' Antrag des Abg. Lasker das gesamte bürgerliche Recht der Zuständigkeit derReichsgesetzgebung zugeteilt wurde. Seitdem beschäftigte sich eine Kommission derersten deutschen Juristen mit der Riesenausgabe der Aufstellung eines einheitlichenZivilrechtsbuchs.

8- 637. Staat und Kirche. Gestützt auf die Zustimmung der Volksvertre-tung im Reichstag und preußischen Abgeordnetenhaus, worin dienationalliberale'Partei damals die Herrschaft hatte, unternahm der Reichskanzler den Kamps gegendie andere romanische Macht, die am Tage der französischen Kriegserklärung auchihrerseits durch das Dogma von der päpstlichen Jnfallibilität eine Kriegserklärungerlassen hatte gegen alles, was sich nicht der Autorität des römischen Oberhirten un-bedingt unterwerfen wollte. Durch den romantischen Sinn König Friedrich Wil-helms IV. und durch die hochkirchlichen, hochkonservativen Bestrebungen der Hof- undRegierungskreise gegenüber dem liberalen Zeitgeist war es dahin gekommen, daß in