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größere Teilnahme an dem Leben und der Entwickelung des protestantischen Kirchen-wesens erwecken sollte. Eine außerordentliche Generalsynode der evangelischen Lan-deskirche der acht alten Provinzen Preußens vereinbarte eine „Synodalordnung",welche der evangelischen Landeskirche Preußens eine auf dem Grundsätze der Selbst-bestimmung aufgebaute Repräsentativ-Verfassung verlieh. Aber die strengkirchlichePartei, an ihrer Spitze der Präsident des Brandenburger Konsistoriums, EmanuelHegel, wollte sich mit dem liberalen Geist in der Landeskirche nicht befreunden. Sieklagte über „Entchristlichung des Volkes" durch die bürgerliche Standesbuchführungund obligatorische Civilehe, infolge deren in den größeren Städten die Unterlassungenvon kirchlichen Trauungen, ja von Taufen immer häufiger würden, über das Über-gewicht der Laien in den Synoden, über die staatliche Zulassung von Simultanschulen.
Sie suchte die Männer der freieren Richtung von den Pfarrämtern und Lehrstühlenlern zu halten. Der orthodoxen Strömung mußte auch Herrmann weichen. Seitdemschritt das evangelische Kirchenregiment in Preußen immer entschiedener auf der Bahnder reaktionären Richtung fort, namentlich seitdem der freisinnige KultusministerFalk den Orthodoxen und Ultramontanen zum Opfer fiel und in Herrn v. Putt-kamer einen strengkonservativen Nachfolger erhielt. E.
Z. 641. Wirtschaftliche Fragen. Justizgesetze. Verwaltungsreform.
Das Reich und das Ausland. Immer mehr drängten sich, nachdem die grund-legenden Schöpfungen der Reichsgesetzgebung vollzogen waren, die wirtschaftlichenFragen in den Vordergrund; das Reich bedurfte zur Bestreitung seiner wachsendenBedürfnisse größerer eigenen Einnahmen, unabhängig von den Matrikularbeiträgender Bundesstaaten, und zugleich erhoben sich gegen die bisherige gemäßigt freihändle-rische Zoll- und Handelspolitik in weiten und einflußreichen Kreisen schwere Beden-ken. Die Reichssteuerreform wollte der Reichskanzler auf die Erhöhung einiger Kon-sumtionsabgaben gründen, namentlich auf eine Steigerung des Zolls und der Steuerflir Tabak, da er für sein Lieblingsprojekt, das Tabaksmonopol, einen gefügigenReichstag nicht finden konnte. Bei seiner Beschäftigung mit Steuerprojekten gerietFürst Bismarck zugleich immer tiefer in das schutzzöllnerische Fahrwasser, eine wirt-fchaftspolitische Richtung, welche der hochverdiente Präsident des Reichskanzleramtes,Delbrück, nicht mitmachen mochte. Er trat von seiner Stellung zurück und wurdedurch den hessischen Minister Hofmann ersetzt, auf welchen später (Sept. 1880) Herrv. Bötticher folgte. Im März 1878 trat auch der einer freierm wirtschaftlichenRichtung huldigende Finanzminister Camp Hausen von seinem Amt zurück. — Eingeniales, aber ungemein umwälzendes Projekt warf Fürst Bismarck in die Welt mitdem Vorschlag der Erwerbung sämtlicher Staats- und Privateisenbahnenfür das Reich. Allein der Plan fand sehr starken Widerspruch, namentlich bei denMittelstaaten, die dadurch abermals ein wertvolles Stück ihrer Souveränität gefähr-det sahen. Das Reichseisenbahnprojekt trat mit der Zeit in den Hintergrund; stattdessen setzten sich die größeren Bundesstaaten durch Verstaatlichung der Privatbahnenin den Besitz ihres Eisenbahnnetzes, auch Preußm führte das Staatsbahnsystem durchAnkauf der meisten Privatlinien durch. — Ein gewaltiger Schritt im Ausbau undin der Befestigung des Reichs geschah in der zweiten Hälfte des Jahres 1876 durchdie großen Justizgesetze über eine gemeinsame Gerichts- und Prozeßordnung, einMerk riesigen Fleißes, das die ganze Summe wissenschaftlicher und praktischer Er-fahrung der deutschen Rechtskunde darstellte. Die Entwürfe des Bundesrats stießennn Reichstage in vielen Punktm auf heftigen Widerspruch, so daß, als nach langenernsten Debatten keine der beiden Körperschaften in mehreren wichtigen Bestimmun-gen, namentlich über das Strafverfahren bei Preßprozessen, nachgeben wollte, dieganze mühevolle Arbeit fruchtlos zu zerrinnen drohte. Erst in der dritten Lesungivurde nach eingehenden Verhandlungen durch gegenseitige Zugeständnisse ein Kom-promiß geschlossen, welches die Durchführung des für die nationale Einheit so bedeut-