8- 642. Der Gang des geschichtlichen Lebens seit dem Frankfurter Frieden. 541
Aber es wurde ein Ausweg gefunden, den wirklichen Rücktritt zu verhindern. DerKaiser erteilte dem Reichskanzler einen Urlaub von unbestimmter Dauer, währendDessen eine gesetzlich geordnete Stellvertretung die Staatsgeschäfte besorgen, demFürsten selbst jedoch die verantwortliche Gegenzeichnung der kaiserlichen Erlasse vor-behalten bleiben sollte. Aber trotz dieser Auskunft kam die Nation aus den Besorg-nissen über die „latente Kanzlerkrisis" nicht heraus. Der Wechsel in mehreren Mi- is?8.visierten und die tiefen Schäden auf wirtschaftlichem Gebiet, Stockungen im In-dustrie- und Verkehrsleben, Zahlungseinstellungen in der Kaufmannswelt mehrten dieBeklemmungen. Inmitten dieser gespannten und trüben Situation wurde die deutscheKation durch ein entsetzliches Ereignis, einen Mordversuch auf den einundachtzig-jahrigen deutschen Kaiser, in Angst und Schrecken gesetzt vor einem Feinde, deraus den Tiefen der Gesellschaft allmählich zu einer dämonischen Schreckgestalt heran-gewachsen war, vor der revolutionären socialdemokratischen Bewegung (S. 633 ä).
Als Kaiser Wilhelm an einem Mainachmittage mit seiner Tochter, der Großherzoginvon Baden, eine Ausfahrt machte, wurden von einem Klempnergesellen aus Leipzig,
Namens Hödel, Kolporteur socialdemokratischer Schriften und Zeitungsblätter, „Un-ter den Linden" zwei Schüsse nach dem Wagen gefeuert, doch glücklicherweise ohne zutreffen. Die Frevelthat war das Werk eines verkommenen jungen Menschen, der sichin einem sitten- und zuchtlosen Strolchenleben herumgetrieben und das Verbrechenohne Mitschuldige aus eigenem Antrieb begangen hatte, aber sie war der Ausfluß derrevolutionär-socialistischen Zeitkrankheit, die sich epidemisch fortgepflanzt und immerweitere Kreise ergriffen hatte. Auf die Kunde von dem Vorfall ließ Fürst Bismarckden Entwurf eines Ausnahmegesetzes zur Stärkung der Regierungen gegen revolutio-näre Vereine und Agitationen ausarbeiten und dem gerade versammelten Reichstagevorlegen. Allein der allzu eilig zusammengestellte Entwurf fand bei der Mehrheit 24 . Matder Reichsversammlung keine Billigung und wurde abgelehnt, weil man die bestehen-den Gesetze für genügend hielt, um den Ausschreitungen der Socialdemokratie ent-gegenzutreten. Kaum war der Reichstag geschlossen, als zwei neue Schreckensbot-schaften das deutsche Volk erschütterten: der Untergang des mächtigen Panzerschiffes»Großer Kurfürst" nahe an der englischen Küste, wobei etwa 250 Matrosen undSeesoldaten den Tod in den Wellen fanden, und ein zweiter Mordanfall aus den 2 . Juni.Kaiser, gleichfalls „Unter den Linden", der eine Verwundung des Monarchen durchSchrotkörner an Gesicht, Schulter und Arm zur Folge hatte. Der Urheber diesesZweiten Attentats, ein Dr. Nobiling, gehörte den gebildeten Ständen an, und daer infolge eines Selbstmordversuchs in geistige Schwäche und Unzurechnungsfähigkeitverfiel und in dieser einige Zeit nachher starb, so ist nie klar zu Tage getreten, in wieweit die Frevelthat mit den socialdemokratischen Grundsätzen oder ihren Bekennemw Zusammenhang stand. Nur so viel ging aus den Verhören hervor, daß er sich innihilistischen und socialdemokratischen Vorstellungskreisen bewegt hatte, wenn schonpersönliche Eitelkeit und die Sucht, von sich sprechen zu machen, den Hauptantrieb zuder verbrecherischen That gegeben haben mögen. Da die Verwundungen, wenn auchzum Glück nicht lebensgefährlich, den Kaiser auf längere Zeit an das KrankenlagerKesselten und ihn an der Vollziehung der nötigen Unterschriften hinderten, so übertruger dem Kronprinzen die volle „Stellvertretung in der obern Leitung der Regierungs- 4- Zumgeschäfte". Obwohl nach der furchtbaren Erschütterung Deutschlands durch den zwei-ten Mordversuch auch von der damaligen Volksvertretung die Zustimmung zu Aus-.vahmsmaßregeln gegen die revolutionäre Agitation der Socialdemokraten zu erlangengewesen wäre, so beschloß dennoch der Reichskanzler, bei dem Bundesrat die Auf-lösung des Reichstags und Anordnung neuer Wahlen zu beantragen, welcheaw 30. Juli im ganzen Reiche stattfinden sollten. Die Auflösung wurde denn auch i^Zunkwirklich von dem Kronprinzen in Stellvertretung des Kaisers vollzogen und die Neu-wahl angeordnet, die aber eine wesentliche Veränderung in der Zusammensetzung der