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Geschichtliche Rundschau.
Z. 642 b.
Volksvertretung nicht herbeiführte. Als der Reichstag seine Sitzungen wieder er-öffnete, war die Genesung des Kaisers, Dank der sorgfältigen Pflege durch Gemahlinund Tochter, und der eigenen kräftigen Natur, so weit fortgeschritten, daß er zur Kurnach Teplitz und Gastein reisen und den Nachsommer in Wilhelmshöhe, in Badenund am Rhein in seiner gewohnten Weise verbringen konnte. Während seiner Ab-wesenheit wurde Hödel, der bei dem ganzen Gerichtsverfahren den frechen, leicht-fertigen Charakter eines sittlich entarteten und verkommenen Menschen kund gegeben1? Au<> ^ntte, durch Richterspruch zum Tode verurteilt und im Hofe des Zellengefängnisses zu1878 /' Moabit enthauptet. Einige Wochen nachher starb Nobiling an Hirnvereitemng undn. Sspi. Lungenlähmung. Mittlerweile war der Reichstag zu einer außerordentlichen Sessions. Sept. einberufen, um über den von dem Bundesrate mit mehr Reife und Überlegung aus-gearbeiteten Gesetzentwurf gegen die „Ausschreitungen der Socialdemokratie" Beschlußzu fassen. Es waren erregte Sitzungen, in welchen sowohl die aus 21 Mitgliedernzusammengesetzte Kommission als die Plenarversammlung über die einzelnen Bestim-mungen des Socialistengesetzes beriet. Insbesondere kam es über die Beschränkungder Geltung des Gesetzes auf die kurze Probezeit von 2Vs Jahren, von welcher dirNationalliberalen ihre Zustimmung abhängig machten, und über die ZusammensetzungOn.' der „Beschwerdeinstanz" zu starken Meinungsverschiedenheiten. Indessen willigte die1878. Regierung endlich in die beschränkte Gültigkeitsdauer, und man kam zur Verständigung-Im Oktober wurde die außerordentliche Session geschlossen und das neue Gesetz ver-kündet. Aus der Menge von Zeitungen, Flug- und Zeitschriften, Broschüren undBüchern, die in rascher Folge verboten oder weggenommen, aus der großen Anzahlvon Vereinen und Genossenschaften, welche auf Grund des neuen Gesetzes im ganzenReiche geschlossen wurden, erkannte die Welt mit Erstaunen, wie weit die socialistischeVerbrüderung verbreitet und wie mannigfaltig und zahlreich die Organe und Werk-stätten waren, durch welche die Aufhetzung getrieben wurde. Die Ausführung desGesetzes stieß auf keinen Widerstand; nur in Berlin und einigen andern große«Städten glaubte man den sog. „kleinen Belagerungszustand", den schärfsten Para-graphen des neuen Gesetzes, anwenden und eine Anzahl von Agitatoren ausweisen z«s. Dsz. müssen. Und doch waren die begeisterten Freudenbezeigungen der gesamten Bevölke-rung, als der genesene Herrscher wieder nach Berlin zurückkehrte, sowie die freiwillige«Gaben, welche ganz Deutschland für die „Wilhelmsspende", eine Stiftung der Wohl-thätigkeit , als Dankopfer für die Rettung darbrachte, der ungesucht hervortretendeAusdruck von der loyalen Gesinnung der Hauptstadt wie der Nation. Darauf über-nahm der Kaiser wieder die Leitung der Regierungsgeschäfte im ganzen Umfang, demKronprinzen seinen Dank aussprechend, daß er mit so großer Hingebung im Sinnedes Vaters bisher des hohen Herrscheramtes gewaltet. Bei Ablauf der „Probezeitwurde in der Folge die Gültigkeitsdauer des Socialistengesetzes vom Reichstag mehr-mals verlängert.
8- 642d. Zollpolitik. Socialreform. Verhältnis zu Rußland undÖsterreich. Gegen die gemäßigt- freihändlerische Zoll- und Handelspolitik, wie stein der Delbrück-Camphausenschen Ära geherrscht, hatte sich in industriellen Kreisen >«den Zeiten geschäftlichen Niedergangs eine immer stärkere Opposition erhoben, welcheSchutz der Erzeugnisse des heimischen Gewerbefleißes gegen die übermäßige Konkur-renz des Auslandes verlangte und auch bei dem Reichskanzler und in der Volksver-trstung wachsenden Anklang fand. Dem Rufe eines großen Teils der Industrie nacherhöhtem Zollschutz schloß sich die Landwirtschaft an. Es bildete sich ein industriell-agrarisches Bündnis zur Änderung unserer Zollgesetzgebung im Sinne stärkere«Schutzes der „nationalen Arbeit" in Gewerbe und Landwirtschaft. Die Regierunggab dieser Bewegung um so lieber Folge, als sich damit Gelegenheit bot, durch weitere.. Entwickelung der Finanzzölle eine wesentliche Vermehrung der Reichseinnahmen zu er-i 87 s. langen. Der neue Zolltarif, welcher durchgängig im schutzzöllnerischen wie u"