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Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
Entstehung
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552
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M. Okt.1871.

6. Novbr.

14. N-».1871.

MSr,

1873.

552 Geschichtliche Rundschau. §. 644.

seine Entlassung und dm Slaven in Böhmen und Galizien blieb nichts übrig, alsdurch Opposition die Regierung zu lähmen. Dm größten Anteil an dieser Wen-dung hatte der Reichskanzler Beust; bei den Deutschen Österreichs gewann er deshalbmehr Ansehen und Popularität, als er jemals besessen. Es erregte daher großesErstaunm, daß derselbe Mann wenige Tage nachher seines hohm Amtes enthobenund als Botschafter nach London gesandt ward. Die öffentliche Meinung in Deutsch-land hatte sich mit ihm ausgesöhnt; um so heftiger zürnte ihm die reaktionäre parti-kularistische Hofpartei, die das gefallene Ministerium auf die Schaubühne gehoben,die Ultramontanen, die Feudalen, die Slaven.Daß Beust kein geborener Öster-reicher, sogar Protestant, nicht vom hohm Adel und doch Reichskanzler war, dasKonkordat aufgehobm und gute Beziehungen mit dem deutschen Reiche angeknüpfthatte, das warm in dm Augm dieser modernen Erinnym ebmsoviele Todsünden."Die aufgeregten Geister schrieen nach Rache; so wurde ihnm dmn Beust zum Opfergebracht.

tz. 644. Andrassy und Auersperg. Die österreichische Politik erlitt durchBeusts Abgang keine Änderung; denn Graf Andrassy, bisher Ministerpräsident inUngarn, der dm Slavm gegenüber die Ansichten Beusts teilte, wurde sein Nachfolger'im Reichsministerium. In Pest übernahm Graf Lonyay die Leitung des Ministe-riums für Ungarn, während in Wim Fürst Adolf Auersperg, Bruder des Dichters,an die Spitze der Staatsregierung in Cisleithanim trat. Erhaltung der Verfassungund des Gesamtstaats gegenüber dm Absonderungsgelüstm der Slavm und Zusam-mengehen mit dem deutschen Reiche in dm auswärtigen Fragen war das gemeinsameProgramm. Wie sehr auch immer die feindlichen Mächte des vielgegliederten StaatesNationalismus",Klerikalismus",Feudalismus", den deutsch-liberalen Jdeeenentgegenstreben mögen, dennoch bleibt dem germanischen Elemmt und dem deutschenWesm in Österreich die Aufgabe gestellt, das Ganze mit seiner Kultur zu umfassen,zu durchdringen und zusammenzuhalten. Nur an der Hand deutscher Bildung könnendie slavischen Völkerteile zu einem Kulturleben emporsteigen. Durch die große Wahl-reform, am Ende des Jahres 1872 eingebracht und im folgenden März von beidenHäusern angenommen, welche dm Reichsrat auf die breite Basis der Volkswahlmanstatt der Wahlen durch die Landtage stellte, die Sonderlandtage auf ihre eigenenAngelegenheiten beschränkte, ward der Weg betreten, der zu diesem Ziele führm muß:die verfassungsmäßige Einheit des Reichs mit Eindämmung der föderalistischen Be-strebungen war ein Sieg des deutsch-liberalen Geistes. Umsonst setzten die Männerdes Rückschritts, die Feudalen, Klerikalen, Aristokraten, in Verbindung mit dmFöderalistm alle Hebel ein, selbst in der Umgebung des Monarchen, um die Reformdes Reichsrats zu verhindern; Franz Joseph erteilte dm Beschlüssen seine Sanktion.Damit lenkte Österreich wieder in freiere Bahnen ein und stellte aufrichtig gute Be-ziehungen zu Deutschland her. So lange der ungarische Gras Andrassy, der einstwegen Teilnahme an der revolutionären Erhebung seines Vaterlandes in der Ver-bannung gelebt hatte, die Stelle des Grafen von Beust an der Spitze des Neichs-ministeriums einnahm, ist diese Richtung nicht verlassen worden. Ein ritterlicherMann von gefälligem Wesen erfreute sich der ungarische Graf der Gunst des Kaisersund der Hofkreise und war ein geschickter Vermittler zwischen den beidm Reichshälften.Durch ihn und durch den österreichischen Ministerpräsidenten Auersperg wurden diereaktionären und absolutistischen Elemente zurückgedrängt, das öffentliche Lebm aufdie Verfassung gegründet, die föderalistische, klerikale und feudale Opposition mitKraft und Entschlossenheit, wenn auch schonend und rücksichtsvoll, niedergehalten-Bei der Stellung Österreichs zum deutschen Reiche konntm die kirchlich-politischenVorgänge in dem letzteren nicht ohne Rückwirkung bleibm. Auch in Wien erkannteman die Notwendigkeit, die Verhältnisse zwischen Kirche und Staat nicht wie früherdurch Unterhandlungen mit Rom, sondern aus eigener Machtvollkommenheit zu regeln.