8- 644 b. Der Gang des geschichtlichen Lebens seit dem Frankfurter Frieden. 853
Demgemäß wurden von dem Kultusminister Stremayr Kirchengesetze vorbereitet,welche die völlige Aufhebung des Konkordats und die ungeschmälerte Wahrung derStaatshoheit gegenüber den kirchlichen Organismm durch die Gesetzgebung zum Zweckhaben sollten. Nach scharfen Redeschlachten zwischen Liberalen und Ultramontanenwurden die Gesetze im Reichsrat angenommen und vom Kaiser bestätigt. So suchte AA,auch in der österreichischen Monarchie der Staat in seine selbständigen Rechte einzu-treten und sich von den ehernen Banden, womit ihn die Kirche gefesselt hielt, zu be-freien. Auch in andern Dingen hat das Kaiserreich Österreich-Ungarn vielfach dieAufmerksamkeit Europas auf sich gezogen. Durch den Ausbruch einer furchtbaren M«tBörsenkrisis, in der Finanzwelt als „Krach" bezeichnet, eine Folge des übermäßigenAnschwellens und Überwucherns der Spekulation, der krankhaften Sucht nach Reich-tum und Gewinn, sind alle Klassen des Volkes von schweren Verlusten betroffen undJammer und Not in viele Familien getragen worden. Diese Schläge konnten nicht bi»verdeckt oder geheilt werden durch die „Weltindustrieausstellung", die an Großartigkeit ime.'alles übertraf, was in dieser Richtung vorher in London und Paris geleistet wordenwar. Wie diese Ausstellungen zu ihrer Zeit durch Belebung des internationalen Ver-kehrs und durch die persönliche Begegnung von Fürsten und Staatsmännern die Jdeeendes Friedens und der Völkerverbrüderung geweckt hattm, so in noch höherem Gradeder Wiener Weltmarkt. Ein trauriges Nachspiel der Börsenkrisis war das großeGerichtsdrama, das in dem „Prozeß Osenheim" die Gemüter während der erstenWochen des Jahres 1875 mächtig aufregte.
§. 644b. Österreich in jüngster Zeit. Die Schöpfung eines DoppelreichsÖsterreich-Ungarn hatte die centrifugalen Kräfte in dem Völkergemisch an der Donauwachgerufen. Nicht genug, daß das Königreich Ungarn sich mehr und mehr zurSelbständigkeit zu entwickeln begann und die fremden Nationalitäten, namentlich dasDeutschtum unterdrückte, auch die slavischen Völkerschaften im Westen der Leitha,insbesondere die Czechen in Böhmen, strebten seitdem, wie wir gesehm haben, nacheiner ähnlichen politisch-nationalen Autonomie. Der österreichisch-magyarische „Aus-tzleich" vom Jahre 1867, der hauptsächlich durch die patriotische Thätigkeit des un-garischen Staatsmanns Franz Deal geschaffen worden, fand bei der hochmagyarischenPartei viele Gegner. Obwohl der Ausgleich dem ungarischen Königreich vorteilhafterwar, als dem cisleithanischen Österreich, indem er den größten Teil der gemeinsamenStaatsschuld dem letzteren auflegte, jenem dagegen nicht nur vollständige Freiheit undUnabhängigkeit im Innern, sondern auch den gleichen, ja nicht selten einen überwie-genden Anteil an der Leitung der gemeinsamen Angelegenheiten zugestand; so gab esdoch eine mächtige Partei in der Nation und im Abgeordnetenhaus, an ihrer SpitzeTiszaundGhiczy, welche die Bande zwischen den beiden Reichshälften noch mehrschwächen wollte, für Ungarn eine politische Selbständigkeit forderte, bei welchernur noch das gemeinsame Oberhaupt geblieben, eine reine Personalunion eingetretenwäre. Dank der verständigen Wirksamkeit Deaks und seiner Parteigenossen erlangteaber die magyarische Opposition nicht die Oberhand: selbst Tisza hielt es für ratsam,den Bogen nicht zu scharf zu spannen; er übernahm die Leitung des Ministeriums ins.und suchte dahin zu wirken, daß das bereits gekündigte Zoll- und Handelsbündnissamt der Vereinbarung über die Nationalbank zwischen beiden Reichsteilen wiedererneuert würde, freilich unter Bedingungen, welche der westlichen Reichshälfte neueÖpser auferlegten. Unter solchen Umständen war der Tod des hochverdienten Staats-mannes Deak im Jahre 1876 ein unersetzlicher Verlust für Österreich-Ungarn. Erstim Jahre 1878 kam eine neue Verständigung über die gemeinsamen wirtschaftlichen 27. ^»tAngelegenheiten der beiden Reichshälften zustande. Die orientalischen VorgängeMachten der Wiener Regierung das Leben noch schwerer und erweiterten den Rißin dem Völkergemenge des Donaureichs, indem die Magyaren aus Furcht vorden panslavistischen Umtrieben und Verschwörungen und in der Besorgnis, ihnen