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Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
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569
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Z. 655o. 655ä. Der Gang des geschichtlichen Lebens seit dem Frankfurter Frieden. 569

§. 655 e. Gambettas Ministerium und Tod. Das neue Kabinett hieltdie Linie eines gemäßigten Fortschritts ein. In der Frage der Amnestie der bei demKommuneaufstand Beteiligten, einer Frage, die jahrelang die Gemüter in Aufregunghielt, wurden dem demokratischen Zug der Zeit weitgehende Zugeständnisse gemacht.Zugleich war die liberale republikanische Regierung bemüht, dem Überwuchern desultramontanen Geistes entgegenzutreten. Dies geschah besonders in dem Unterrichts-gesetzentwurf bes Ministers Ferry und in dem energischen Vorgehen gegen die Je-suiten und andere geistliche Orden. Auch in Frankreich entbrannte darüber ein heftiger„Kulturkampf", und wenn auch das Ferryfche Unterrichtsgesetz im Senat abgelehnt, wurde, so besaß die Regierung doch Waffen genug, den klerikalen Übergriffen, nament-lich auf dem Gebiete der Schule, entgegenzutreten und die staatsgefährlichsten Ordens-kongregationen aufzuheben. Einen neuen Zündstoff warf Gambetta in das politischeLeben durch die Forderung einer Wahlreform: die Arrondissementswahlen solltenabgeschafft, das „Listenskrutinium" eingeführt werden, d. h. es sollte nicht mehr wiebisher jeder einzelne Wahlbezirk seinen Abgeordneten, sondern ein ganzes Departe-ment sollte nach einer aufgestellten Liste zusammen eine Anzahl von Deputiertenwählen. Auf diese Weise glaubte man günstigere Wahlergebnisse für die Republikanerherbeiführen, die Auswahl der Kandidaten von lokalen Einflüssen befreien, das ganzeWahlgeschäft centralisieren und so dem parlamentarischen Diktator allezeit eine ge-fügige Kammer sichern zu können. Die Deputiertenkammer nahm auch den Vorschlagan, der Senat aber lehnte denselben ab, eine empfindliche Niederlage Gambettas.i Indessen fielen die neuen Abgeordnetenwahlen sehr zu gunsten der Republikaner und! scheinbar insbesondere der gambettistischen Partei aus, worauf der große „Volks-tribun" endlich seine unverantwortliche Stellung aufgab und an Stelle Ferrys alsPräsident und Minister des Auswärtigen in die Regierung eintrat, die ganz ausseinen Kreaturen zusammengesetzt wurde. Aber das „große Ministerium" solltedie Hoffnungen nicht erfüllen, die man seit Jahren auf die endliche Übernahme derRegierung durch Gambetta gesetzt hatte. Der Kammer wurde jetzt der Entwurf einerVerfassungsrevision vorgelegt, wonach die Einführung der Listenwahl für dasAbgeordnetenhaus, eine Änderung des Wahlgesetzes und eine Beschränkung derfinanziellen Befugnisse für den Senat beantragt wurde. Allein wider alles Erwartenzeigte sich die Kammer oppositionslustig, der Nimbus Gambettas war sichtlich imSchwinden begriffen. Die Verfassungsrevision mit der Listenwahl wurde mit einerMajorität derer, denen sie zu weit, und derer, denen sie nicht weit genug ging, abge-lehnt. Gambetta trat alsbald von der Regierung zurück; so manches Ministeriumhatte er gestürzt, und nun konnte er sich selbst nur wenige Wochen halten. Kurzlebigewechselnde Ministerien folgten, und das unfruchtbare parlamentarische Treiben derParteien verdient kaum eine eingehende Darstellung. Gambetta überlebte seinen Rück-tritt nicht lange. Er starb in der Nacht der Jahreswende an den Folgen einer Schuß- N-uI°hrWunde, die er bei einem nicht völlig aufgeklärtm Vorfall erlitten.

§. 655ä. Auswärtige Verwicklungen. Neue Präsidentenwahl. Dieunendlichen Schwierigkeiten, mit dmen Frankreich im Innern zu kämpfen hatte,wurden noch vermehrt durch auswärtige Unternehmungen von sehr zweifelhaftemWert. Die Mißerfolge Frankreichs in den Orientwirren, die Wahrnehmung von dembedrohlich gewachsenen Einfluß anderer Mächte im mittelländischen Meer, lenkten dieBlicke der französischen Regierung auf die Gewinnung eines Ersatzes, und hierzuschien das an Algerien anstoßende Tunis, ein zerrüttetes barbarisches Reich in loserAbhängigkeit von der Pforte, ein günstiger Boden. Die Einfälle eines räuberischenGrenzstammes nach Algier boten einen erwünschten Anlaß zum Einschreiten. DerBei von Tunis wurde zu einem Vertrag gezwungen, welcher das Land unter franzö- E.fische Schutzherrschaft stellte. Weit unfruchtbarer waren die Verwicklungen mit Mada-gaskar, jener großen, wenig bekannten ostafrikanischen Insel. Der Krieg, in welchen