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Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
Entstehung
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571
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8- 656.657. Der Gang des geschichtlichen Lebens seit dem Frankfurter Frieden. 5715. Die Schweiz und Italien.

Z. 656. Die Schweiz. Auch die Eidgenossenschaft war zu Anfang der siebzigerJahre der Schauplatz heftiger Kämpfe zwischen Staat und Kirche, und der Ultramon-tanismus entwickelte auch hier seine wühlerische Thätigkeit. In Genf, der Mutterstadtj des Calvinismus, rief die eigenmächtige Ernennung des Pfarrers Mermillod zumBischof durch den Papst eine lebhafte Bewegung in der protestantischen Bürgerschafthervor und forderte die Landesregierung zu energischer Abwehr der ultramontanenÜbergriffe heraus. Eine ähnliche Bewegung erhob sich in den Kantonen Basel undSolothurn, als der Bischof Lachat, das Verfahren seiner deutschen Amtsbrüder nach-ahmend , über einen Geistlichen Absetzung und Bann aussprach, weil er die Unfehl-barkeitslehre nicht annehmen wollte. Als der Bischof die von den Kantonsregierungenverlangte Zurücknahme der ungesetzlichen Maßregel verweigerte, wurde seine Amts-entsetzung ausgesprochen. Noch heftiger waren die kirchlichen Kämpfe im KantonBem, als die katholischen Gemeinden des Jura sich gegen die kirchenpolitischen Maß-nahmen der Regierung auflehnten. In der Eidgenossenschaft fanden jedoch diehierarchischen Machtgelüste weniger Anklang als in den deutschen katholischen Ländern.

Von allen einsichtigen und patriotischen Männern war längst eine Revision derBundesverfassung im Sinne der Stärkung der Centralgewalt und Einschränkungdes kantonalen Partikularismus als notwendig erkannt worden. Es galt, dem Bundedie Leitung des Militärwesens, die Aufsicht über die Volksschule, Abwehr kirchlicherÜbergriffe, die Kontrolle des Eisenbahnwesens, das Recht zu einheitlicher wirtschaft-licher und Justizgesetzgebung einzuräumen oder zu erweitern. Bei der ersten Volks-abstimmung scheiterte der Entwurf an dem Widerstand der Welschen, Partikularisten isiaund Ultramontanen. Bei einer spätem Abstimmung aber drang die bessere Einsichtdurch, und die Verfaffungsrevision wurde zum Gesetz erhoben. Auch das Alkoholgesetz,welches das Branntweinmonopol einführte, fand bei der Volksabstimmung eine ge- ^Matwältige Mehrheit. Für den Verkehr mit Deutschland und Italien und die Handels-interefsen der drei beteiligten Länder war von der größten Bedeutung die Eröffnungeines direkten Schienenwegs durch den St. Gotthard. Das großartige Unternehmendes Durchbruchs der Alpenwand wurde von einer Aktiengesellschaft unter finanziellerBeteiligung der Regierungen von Deutschland, Italien und der Schweiz ausgeführtund unter glänzenden Feierlichkeiten als völkerverbindendes Friedenswerk dem Ver- M. i -W2.kehr übergeben.

ß. 657. Italien und der Vatikan. Während die Ultramontanen im Nordenund Westen der Alpen dem gläubigen Volke die Leiden desGefangenen im Vatikan"schilderten und zu Peterspfennigen aufforderten, um dessen große Not zu lindern,befand sich dieser infolge des Garantiegesetzes und des Prinzips derfreien Kirche imfreien Staat" in einer viel vorteilhafteren Lage als in den Tagen seiner Souveränität.

Aber die angebliche Gefangenschaft des heiligen Vaters und seine apostolische Armut,weil er die vom König ausgesetzte Civilliste zurückgewiesen, waren ein zu wirksamesAgitationsmittel für die getreuen Seelen in Deutschland und für den rachgierigenFanatismus in Frankreich, als daß dasselbe nicht fort und fort in Scene gesetztwerden sollte. Unterdessen richteten sich der königliche Hof im Quirinal und die Ver-treter der Nation im Monte citorio häuslich ein, die fremden Gesandten nahmen inder ewigen Stadt ihre Residenz, und das konstitutionelle Staatsleben hatte seinenUngestörten Fortgang. Wie in den Tagen der nationalen Vereinigung sind die NamenVittorio Emanuele, Cavour und Garibaldi dem Volke noch immer teuer. ZahllosePlätze und Hauptstraßen sind nach ihnen benannt und überall prangen ihre Statuen,

Büsten und Bildnisse. Und als ob die Vollendung des Einigungswerks der gesamtenapenninischen Halbinsel durch ein großartiges geschichtliches Ereignis der Nachweltverkündigt werden sollte, wurde um die Zeit der Besitznahme Roms durch den König