572
Geschichtliche Rundschau.
8 . 657 .
der Durchbruch des Mont-Cenistunnels vollendet und in der wunderbaren Alpen-bahn dem Völkerverkehr ein neuer mächtiger Aufschwung gegeben. Die feindseligeHaltung des Papsttums und der Hierarchie gegen Italien wie gegen Deutschlandwar für beide eine Mahnung, daß ein politisches Zusammengehen in ihrem gegen-seitigen Interesse liege. Neben der Bewahmng der guten Beziehungen zu Berlin legteman zugleich energisch Hand an die Wehrhaftmachung des Landes durch Verstärkungder Armee, durch Anschaffung von Kriegsmaterial, durch Errichtung neuer Be-festigungen. Auf diese Weise gegm feindliche Anschläge gedeckt, schritt die Regierungmutig auf dem Wege der Resormm fort und nahm die von der öffentlichen Meinungin Italien verlangte Einziehung der Klöster für die römische Provinz in Angriff.^1872°°' Nach einem dem Parlamente vorgelegten Gesetzesentwurs sollten die Klöster in Romund im ehemals päpstlichen Gebiete ebenso wie im übrigen Italien sämtlich auf-gehoben werden. Nur die Generalate der Orden wurden aus Rücksicht für daskatholische Ausland von dieser einschneidenden Maßregel ausgenommen. Wie sehrauch die Papisten gegm diesen neuen Kirchenraub eiferten, wie sehr die KlerikalenFrankreichs von neuem dm Gedankm eines Kreuzzugs gegm das ungetreue Jtalimin Bewegung setzten: die Vorschläge wurden von dem Abgeordnetenhause fast ein-Mai 1873 . stimmig, von dem Senat mit überwiegender Mehrheit angenommen und auch sofortin Ausführung gesetzt. Die Spannung zwischen Frankreich und Italien und die Be-fürchtung vor feindseligen Plänen von seitm der monarchisch - klerikalen Machthabermußte zunehmen, als die Versailler Nationalversammlung mit dem Plane umging,den Grafen von Chambord zum König zu erklären. Wenngleich bald nach demKlostergesetz ein für die Beziehungm zu Frankreich vorteilhafter Wechsel in der ita-lienischen Regierung eingetreten war, indem infolge der Steuervorlagen das Ministe-rium Lanza-Sella seine Entlassung nahm und ein aus der Rechten und dem rechtenCentrum gebildetes Ministerium unter Minghettis Vorsitz an die Spitze der Staats-geschäfte trat; so war doch mit ziemlicher Gewißheit anzunehmen, daß ein Fürst vonso engbegrenztem Gesichtskreise, von solcher Anhänglichkeit an seine legitimistischenund ultramontanen Grundsätze, sobald er die Krone des heiligen Ludwig auf seinemHaupte trüge, es als seine wichtigste Herrscherpflicht ansehen würde, dem Oberhaupteder Kirche seine weltliche Macht zurückzugeben und die vertriebenen italienischen Fürsten,vorab seine Stammesverwandten wieder in ihre Herrschaft einzusetzen. Es konnte^1873.*' daher kein Zweifel sein, daß die Reise Viktor Emanuels über Wien nach Berlin fürdie Versailler Royalisten ein Fingerzeig sein sollte, wo Italien Hilfe suchen würde,falls die Klerikalen in Beziehung auf Rom ihre Wünsche und Pläne in Thaten zuverwandeln gedächten. Die politische Schrift „Ein wmig mehr Licht", welche derehemalige Minister und General Lamarmora, der unglückliche Befehlshaber vorCustozza (§. 608 ), veröffentlichte, um den französischen Staatsmännern zu LiebePreußen zu verunglimpfen, war ein Mißton zu der allgemeinen Stimmung des Lan-des, der bald verhallte. Die Treue und Hingebung des Volkes an den Logalantuoino,den Schöpfer und Vollender des einheitlichen Königreichs Italien, blieb sich immergleich. Mochten immerhin die gesetzgebenden Gewalten die monarchischen Macht-befugnisse auf ein geringes Maß herabsetzen; im Herzen des Volkes stand der Namedes Königs stets in strahlendem Glänze. Dies trat besonders zu Tage, als Viktor^lnanuel nach kurzer Krankheit zu seinen Vätern berufen ward. Sein Leichen-begängnis gestaltete sich zu einem nationalen Trauerfest. Kurz nachher folgte ihm^1878°* Papst Pws IX., dem er die weltliche Herrschaft entrissen, für den er aber stets einekindliche Ehrfurcht im Herzen bewahrt hatte, ins Grab nach. Unter dem NachfolgerLeo XIII. kam ein versöhnlicheres Kirchenregiment auf. Der neue König Humbertwar der Erbe der väterlichen Krone und Volksgunst, sowie des redlichen Willens undBestrebens, die Verfassung und die Grundrechte der Nation heilig zu halten. Wohlschlug auch in der apenninischen Halbinsel, der alten Heimat der Geheimbünde und