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Geschichtliche Rundschau. §. 659 b.
gemeinen Bürgerkrieg zu verhindern imstande sein würde. Solche Autorität besaßnur der Marschall Serrano, Herzog de la Torrs, und so kam man denn auch baldüberein, daß er zum Haupt der vollziehenden Gewalt, Sagasta zum Präsidenten desMinisterrates ernannt wurde. Die größte Schwierigkeit war die Insurrektion derKarlisten im nördlichen Pyrenäenlande, die eiternde Wunde, die den republikanischenStaatskörper nicht zur Genesung gelangen ließ. Wie viel spanisches Blut wurde in^März*' dem baskischen Gebirgslande um Bilbao und Tolosa im unseligen Bürgerkrieg ver-1874- gössen! Und doch mußte Moriones mit den Regierungstruppen dem Feinde die nörd-lichen Landschaften und Städte überlasten und sich weiter nach Süden zurückziehen.Erst im April und Mai errangen die Republikaner unter der Führung des MarschallsConcha und des Generals Lasern« wieder einige Vorteile, in deren Folge Serranound Topete als Sieger in Portugalete und das vielumstrittene Bilbao einziehenkonnten. Unter den Berichterstattern der Zeitungen war auch ein deutscher Korre-spondent, ein ehemaliger preußischer Hauptmann Schmidt, der noch im letzten Krieggedient hatte und zum Lohne seiner Tüchtigkeit mit dem eisernen Kreuze geschmücktworden war. Er fiel in die Hände der Aufständischen und wurde, obwohl er keine20 Waffen mit sich geführt, auf ausdrücklichen Befehl des Don Karlos zu Villatuerta1874 ."' erschossen. Seine preußische Herkunft wie sein protestantisches Glaubensbekenntniswaren in den Augen der Papisten hinreichende Beweise seiner Schuld.
Z. 659b. Herstellung der Monarchie. Mehr und mehr gewann der Ge-danke einer bourbonischen Restauration bei der Armee Raum. Und auch dieserStaatsstreich vollzog sich ohne revolutionäre Bewegung, vielleicht mit geheimer Zu-^74- stimmung Serranos. Am 30. Dezember erhob General Martine; Campos in Mur-viedro, der alten Römerstadt Sagunt, die monarchische Fahne und rief Alfons XII.zum König aus. Dem Pronunciamento der Armee im Osten trat sofort Stadt undProvinz Valencia bei; bald folgten das Centrumsheer unter Jovellar und die Be-satzungstruppen von Madrid. So schloß denn in Spanien das Jahr 1874 miteinem militärischen Staatsstreich, wie es begonnen: die Minister erließen einen öffent-lichen Protest gegen die Vergewaltigung und legten ihr Amt nieder; eine neue Re-gierung wurde gebildet unter dem Vorsitz von Cänovas del Castillo, und wäh-rend Serrano sich nach Frankreich begab, landete der junge König in Valencia undhielt dann seinen Einzug in Madrid, allenthalben von einem jubelnden Volke em-pfangen. Damit brach für Spanien wieder eine neue Ära im Staatsleben ein: andie Stelle der Republik trat die Monarchie. Wie wenig immer der neue König ver-möge seiner Erziehung den Jdeeen und Fortschritten der Zeit geneigt sein mochte, sosah er doch die Notwendigkeit ein, das Staatsleben wieder in die Verfassungs-formen zurückzuführen, wie sie unter seiner Mutter bestanden. Denn nur mit derFahne der konstitutionellen Monarchie konnte er den Kampf gegen Don Karlos, denVertreter des Absolutismus, mit einiger Aussicht auf Erfolg durchführen. Zu demsassung Ende wurden die Kortes nach Madrid beschieden, um ein neues Staatsgrundgesetz zu3 o.°Juni beraten und ins Leben einzuführm, während er selbst mit verstärkten Streitkräftenreis. wider die Karlisten ins Feld zog. Wirklich erlangte Alfonsos Regiment mehr Festig-keit, als man bei den zerrütteten Zuständen des Königreichs hätte erwarten können:die auswärtigen Mächte erteilten ihre Anerkennung; die Feldzüge gegen die KarlistenJEar waren mit Erfolg gekrönt, so daß der Prätendmt, als seine wichtigste Festung Estellain die Hände der königlichen Truppen fiel und er sich in seiner Stellung wie miteinem eisernen Ring umschlossen sah, dm Kampfplatz verlassen und sich auf franzö-sisches Gebiet flüchten mußte. Navarra und die baskischen Provinzen kehrten darausallmählich zum Gehorsam zurück. Im Innern waren Regierung und Kortes beflissen,dem Reiche wieder den monarchisch-katholischen Charakter aufzuprägen, aus denSpanien von jeher den höchsten Wert gelegt hat; und wenn auch aus Rücksicht fürdas Ausland die Glaubmseinheit nicht in der vollen Ausdehnung, wie der päpstliche