Buch 
Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
Entstehung
Seite
577
JPEG-Download
 

Z. 659 d. Der Gang des geschichtlichen Lebens seit dem Frankfurter Frieden. 577

Nuntius verlangte, hergestellt und durchgeführt werden konnte, so wurde doch eineAnzahl der kaum entstandenen protestantischen Bethäuser in Madrid und in denProvinzen geschloffen, die Universitäten der Lehrfreiheit beraubt und den Bischöfenunterstellt, der Unterhalt des Klerus vermehrt. Fremde, in Spanien seßhafte Be-kenner evangelisch-protestantischer Konfession sollten zwar nach der Verfassung in derAusübung ihres Kultus und in der Errichtung von Schulen nicht gehindert sein;aber zelotische Beamte und Bischöfe wußten das Recht so zu verkümmern, daß diezugestandme Glaubensfreiheit zum wesenlosen Schatten herabsank. So schwankte Spa-nien zwischen den Prinzipien des modernen Staats und den klerikal-absolutistischenTraditionen hin und her. Als die Königin-Mutter Jsabella aus der Verbannungnach dem Pyrenäenlande zurückkehrte, fand sie das Reich fast wieder in derselbenVerfassung, wie sie es vor acht Jahren verlassen hatte. Von Finanznot und Staats-schulden bedrängt, durch den kubanischen Aufstand in seinen Einnahmen verkürzt undzu kriegerischen Anstrengungen gezwungen, von innerem Parteiwesen durchwühltsteuerte das spanische Königreich einer unsicheren Zukunft entgegen. Im Januar1878 feierte König Alfonso seine Vermählung mit der Jnfantin Maria Mercedesvon Orleans, der Tochter des Herzogs von Montpensier, bei welcher GelegenheitMadrid acht Tage lang in einem Freudenräusche taumelte über die Festlichkeiten,die dem Volke in altspanischer Weise, selbst mit Stiergefechten, vorgeführt wurden.

Aber schon im Juni wurde die junge liebenswürdige Königin durch einen schnellen es. Juni.Tod unerwartet dahingerafft zur großen Trauer des Landes. Einige Wochen nach-her starb die ehemalige Königin Christine, die in der spanischen Geschichte eine soverderbliche Rolle gespielt hat, und einige Monate später ein Mann, der in den tief-bewegten Jahren der geschichtlichen Vergangenheit Spaniens in hervorragender Weisein die öffentlichen Dinge verflochten war: Espartero, Herzog von Vittoria, dervom jüngsten Sohne einer kinderreichen Handwerkerfamilie aus der Manch« bis indie Nähe des Thrones aufgestiegen war. Der König wurde mit der Zeit des reaktionär-klerikalen Ministeriums Canovas, welches alle Übergriffe der Kurie und der Ultra-montanen guthieß, überdrüssig und wandte sein Vertrauen den Liberalen zu, ausderen Reihen das Ministerium Sagasta hervorging. Zu einer vorübergehenden Ei.Spannung mit Deutschland kam es über die Karolinenfrage. Als ein deutschesKanonenboot auf Aap, der Hauptinsel dieser Gruppe, die Reichsflagge aufhißte, ge-riet die leidenschaftliche spanische Nation, welche Ansprüche auf diese Südsee-Jnselnzu haben behauptete, mit ihren zu demselben Zwecke abgesandten Kriegsschiffen aberzu spät gekommen war, in gewaltige Aufregung. Der einzige, welcher Ruhe undBesonnenheit bewahrte, war der König. Ein Pöbelhaufe zog vor das deutsche Ge-sandtschaftsgebäude in Madrid und riß das Wappen herab. In den darüber ent-stehenden diplomatischen Verhandlungen bewährte die deutsche Regierung wieder ihreweitgehende Friedensliebe. Das spanische Kabinett bat um Entschuldigung für dieBeschimpfung der Gesandtschaft, hielt aber die Souveränitätsrechte gegenüber denKarolinen aufrecht. Fürst Bismarck erbot sich alsdann, dem Papst Leo XHl. dasSchiedsrichteramt zu übertragen; der Schiedsspruch erkannte Spanien die Hoheits-rechte zu, gewährte aber Deutschland vollständige Freiheit des Handels, der Schiffahrtund Fischerei sowie das Recht der Anlegung einer Schiffsstation und Kohlennieder-lage. Ein schwerer Schlag für das unterwühlte und aufgeregte, fortwährend vonAufständen und Verschwörungen heimgesuchte Land war der Tod des KönigsAlfons XU. Der junge Monarch starb an der Schwindsucht, erst 28 Jahre alt, undhinterließ zwei Töchter im zartesten Lebensalter. In zweiter Ehe hatte sich der Königmit der Erzherzogin Marie Christine von Österreich vermählt. Sie übernahm nach desKönigs Tod die Regentschaft und schenkte noch einem Prinzen das Leben, der alsAlfons XHI. der Erbe der spanischen Krone ist.

Weber, kl. Weltgeschichte.

37