Buch 
Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
Entstehung
Seite
584
JPEG-Download
 

584

Geschichtliche Rundschau.

8. 664.

MSrz

1878.

August uSeptbr.1878.

Septbr.

1878.

Z-

dige Freiheit der Donauschiffahrt bis zur Mündung wurde gewährleistet. Süd-Bul-garien oder Ost-Rumelien, wie es fortan genannt werden sollte, verblieb bei derTürkei, aber auch dies nur unter europäischen Bürgschaften für das künftige Wohl-verhalten der Pforte.

Z.664. Die Lage der Dinge nach dem BerlinerKongreß. ÜberBosnien und Herzegowina, wo das erste Fmer des Aufstandes ausgebrochenwar, enthielt der Vertrag von Sän Stefano keine Bestimmungen. Wenn aber dieFürsten von Serbien und Montmegro sich mit der Hoffnung trugen, diese Land-schaften für sich zu gewinnen, so sollten sie bald enttäuscht werden. Der Traum voneinem großserbischen Königreich, dem man sich in Belgrad hingegeben, wurde nichtzur Wirklichkeit. Sollten aber diese Gebiete, die nach der Losreißung Bulgariensund der Unabhängigkeitserklärung von Serbien und Montenegro nur noch durch einenschmalen Streifen Landes mit dem türkischen Hauptreich verbunden waren, bei derOsmanenherrschaft verbleiben, in alle Zukunft einen neuen. Zündstoff für Ver-schwörungen, Wirren und Aufstände bilden? Das war weder die Meinung desösterreichischen Reichskanzlers Andrassy noch der Kongreßmächte. Das gute Verhält-nis zwischen Rußland und der Doppelmonarchie an der Donau hatte hauptsächlichseinen Grund in dem stillen Einvernehmen beider Regierungen, hart an der öster-reichischen Grenze keine neuen oder wesentlich umgestalteten Staatsbildungen herbei-zuführen oder zuzulassen, die eine beunruhigende Rückwirkung auf das Nationalitäten-gewirr des dualistischen Kaiserstaats ausüben könnten, und derKreditvon 60 MillionenGulden, um den Andrassy die Reichsstände für ungenannte Zwecke anging, ließ er-raten, daß er diese Landstriche mit Österreich zu vereinigen gedenke, sei es dauerndoder nur vorübergehend in Gestalt einer Okkupation, bis die Flüchtlinge zurückgeführtund neue Verwaltungsreformen unter Garantie der Mächte geschaffen sein würden.Dieser Plan wurde von dem Kongreß gutgeheißen; uiUffö erhielt denn die kaiserlicheRegierung in Wien die Weisung oder die Erlaubnis, die Herzegowina und Bosnienzu besetzen. Aber nur unter blusigen Kämpfen konntm die beiden Landschaften vonden kaiserlichen Truppen unter General Philippowitsch in Besitz genommen, inder erstürmten Hauptstadt Serajewo eine österreichische Landesregierung eingesetzt unddie Organisationsarbeiten begonnen werden. Im nächsten Jahre erfolgte auch krafteiner Konvention zwischen Österreich und der Pforte die Besetzung von Novibazar,doch mit der Bedingung, daß durch die Okkupation die Souveränitätsrechte desSultans nicht beeinträchtigt werden sollten. Bei den Albanesen bildete sich eine Liga,um die Besitznahme von Novibazar und die Gebietsabtretungen an Montenegro zuverhindern. Die Pforte sandte den kurz vorher vom Berliner Kongreß zurückgekehrtenMehemed Ali ab, um die Insurgenten zu beschwichtigen.' Aber der tapfere Generalwurde von den fanatisierten Einwohnern Diakowas überfallen und mit seinem Ge-folge nach tapferster Gegenwehr ermordet. — Auch England wollte nicht ganz mitleeren Händen ausgehen, so wenig auch seine Leistungen bei dieser;LLirren eine Be-lohnung verdimten. Die Pforte trat die Insel Cypern an England ab und ver-pflichtete sich in einem Sonderabkommen, auch in Kleinasien Reformen einzuführen,wofür ihr das Londoner Kabinett den Besitzstand ihrer asiatischen Provinzen gewähr-leistete. Nur zu bald zeigte es sich, daß der Berliner Kongreß wohl die Einstellungdes russischxtürkischen Waffenganges zustande gebracht, aber keinen sichern Friedengeschaffen habe. Die panslavistische Partei, die den Krieg hauptsächlich betriebenhatte, war mit den Früchten deLÄerliner Kongresses keineswegs zufrieden. Für diegroßen Opfer, die Rußland gebracht, waren die materiellen Vorteile sehr gering; wieweit standen die Errungenschaften des Augenblicks hinter den Erwartungen zurück!Es fehlte nicht an Stimmen, welche die Ansicht aussprachen, man solle den West-mächten die Stirne bieten und sich der Ausführung der Kongreßbeschlüsse widersetzen.Aber die Friedenspartei behielt schließlich in Petersburg die Oberhand. Man schloß