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Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
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583
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Z. 663. Der Gang des geschichtlichen Lebens seit dem Frankfurter Frieden. 583

das griechische Kreuz auf der Hagia Sophia aufgepflanzt. Die Einnahme von Phi- ^ 20 .^lippopel und Adrianopel schnitt dem von Gurko verfolgten Suleiman Pascha die is?8.Rückzugslinie nach Konstantinopel ab. Er zog mit den Trümmern seines Heeres süd-wärts, um sich in den Häfen des ägäischen Meeres nach Stambul, dem letzten Stütz-punkt des Osmanenreiches, einzuschiffen. Er war ein Heerverderber, den in der Folgeein Kriegsgericht zu längerer Gefängnisstrafe verurteilte. In der äußersten Er-schöpfung der Tüäei wurde nun der Waffenstillstand von Adrianopel und ^3°"-einige Wochen nachher der Präliminarfrieden von Sän Stefano zwischen Ruß- 3. März.land und der Pforte abgeschlossen, in welchem die Fürstentümer Serbien, Rumänienund Montenegro für unabhängig erklärt wurden und Gebietserweiterungen erhielten,Bulgarien in denjenigen Grenzen, die sich aus der Mehrheit der bulgarischen Bevöl-kerung ergaben, zu einem tributpflichtigen, sonst aber selbständigen Fürstentum erhobenward mit einer nationalen christlichen Regierung und einer aus Eingebornen bestehen-den Miliz, die Türkei eine Kriegsentschädigung von 1410 Millionen Rubel bezahlensollte, wovon 1000 Millionen durch Gebietsabtretungen in Asien entrichtet werdenkönnten. Bosnien und die Herzegowina sollten eine autonome Verwaltung erhaltenmit Reformen unter Garantie der Mächte. Wie der Zar einst in Livadia versicherthatte, verlangte somit Rußland keinen oder doch nur geringen Gebietszuwachs für sichselbst. Aber der russische Stolz ertrug es nicht, daß der Landstrich Bessarabienim Norden der Donau, der einst im Pariser Frieden an Rumänien abgetreten worden,noch länger in fremden Händen bliebe. So wurde denn verlangt, daß Fürst Karljenen Landstrich herausgeben und dafür im Süden des Stromes mit der Dobrudschaentschädigt werden sollte, ein ungroßmütiger Ausgleich für den treuen Waffengenossen.

In England war man höchst unzufrieden mit dem eigenmächtigen Vorgehen Rußlands.

Das Toryministerium verlangte, daß der Gesamtvertrag einem europäischen Kongreßzur Beschlußfassung vorgelegt werde, und die Petersburger Regierung ließ sich hierzubereit finden. So trat denn in Berlin eine Diplomatenversammlung ins Leben, wiedie Welt seit dem Wiener Kongreß keine ähnliche gesehen. Unter dem Vorsitz desdeutschen Reichskanzlers tagten die ersten Staatsmänner der europäischen Großmächte,um die neue Ordnung der Dinge im Orient festzusetzen. Außer den drei Reichs-kanzlern Bismarck, Gortschakow, Andrassy hatten sich Lord Beaconsfield fürEngland, Waddington für Frankreich, Corti für Italien, Karatheodory undder Deutsche Mehemed Ali für die Türkei eingefunden. Die Hauptaufgabe des ^Berliner Kongresses bestand darin, den Vertrag von Sän Stefano der für die w. ZuuTürkei allzu drückenden Bestimmungen zu entkleiden. Und so kam man denn nachmancher hitzigen Redeschlacht dahin überein, daß die den Fürsten von Serbim undMontenegro zugedachte Gebietserweiterung beschränkt, der Austausch Bessarabiensgegen die Dobrudscha für Rumänien dagegen anerkannt ward, mit der Bestimmungder Gleichberechtigung aller Glaubensbekenntnisse, mithin auch der Juden, in demneuen unabhängigen Fürstentum. Auch der Landzuwachs, den sich Rußland in Klein-asien ausbedungen, wurde nicht unerheblich beschnitten. Doch blieb ihm außer derFestung Kars die wichtige Seestadt Batum mit dem Gebiet der Lasen erhalten. Diegrößte Umgestaltung erlitt der Vertrag von Sän Stefano in betreff Bulgariens. Dermächtige Keil, der sich nach jenem Präliminarvertrag zwischen die auseinandergerenktenGlieder des Osmanenreiches einschieben sollte und dem dürftigen Reste zusammenhangs-loser Trümmer Licht und Lebenslust vollends benommen hätte, wurde nach den Ver-einbarungen des Kongresses in wesentlich verringerte Form gebracht. Nicht bis dichtan das ägäische Meer sollte sich das neue Fürstentum Bulgarien erstrecken, sondernam Balkan seinen Abschluß finden. Nord-Bulgarien wurde unter einem Fürstenkonstituiert, dessen Wahl einer Notablenversammlung vorbehalten blieb und von denGroßmächten bestätigt werden mußte; die Festungen an der Donau und landeinwärts,bisher das starke Bollwerk der Osmanenherrschaft, wurdm geschleift. Die vollstän-