Band 
I. Teil. Von der germanischen Urzeit bis zur französischen Revolution.
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Georg Steinhaufen.

den Lebensverhältnissen, dem allgemeinen Zusammenleben in einemRauin, sowie der straffen Herrschaft des Hausherrn andererseits, der Frauund Kinder wie die Sklaven gleichermaßen unterstehen. Neben demzänkischen Auffahren und der Hadersucht finden sich femer wirkliche Ge-mütlichkeit und ein ausgeprägter Humor. Gerade das Trinkleben hatsicherlich von jeher auch diesen und nicht nur den abstoßenden Charaktergetragen. Aber auch darüber hinaus haben, wenn wir vom Mittelalterzurückschließen dürfen, Humor und Gemütlichkeit das germanische Lebendurchdrungen. Der fremde Beobachter hatte dafür kein Empfinden. Ur-alt ist femer die dem Humor verwandte deutsche Necklust. Stämme undStämmchen haben sich früh übereinander lustig gemacht.

Indessen besitzt der Germane noch mehr als Gemütlichkeit — er hatvon jeher Gemüt gehabt. Man braucht aus der Unübersetzbarkeit diesesWortes nicht zu schließen, daß andere Nationen dessen, was wir Gemütnennen, bar seien: gleichwohl liegt hier dem Grade nach eine spezifischeEigentümlichkeit des Germanen vor, die in der Form der Gutmütigkeit,der Vertrauensseligkeit schon erwähnt wurde und ihm später oft alsSchwäche oder gar als Zeichen beschränkten Sinnes ausgelegt worden ist,die aber andererseits die schönste Seite germanischen Innenlebens be-zeichnet. Gemüt zeigt der Germane, wenn er zu allen Dingen seinerSphäre ein innerliches Verhältnis begründet, wenn der harte Seeger-mane sein Schifflein wie ein persönliches Wesen behandelt und benennt,wenn der Krieger an seinem Roß, an seinen Waffen wie an lieben Wesenhängt, wenn einer sein Vieh, überhaupt die Tiere seiner näheren Um-gebung als wahrhafte Lebensgenossen behandelt, was allerdings mit demSeelenglauben zusammenhängt. Gemüt zeigt die überaus starke Natur-liebe des Germanen, die See und Wald, auch der im Norden besondersempfundene Wechsel der Jahreszeiten in ihm geweckt und genährt hatten.Er lebt und webt mit der Natur. Er beobachtet alle Einzelheiten der na-türlichen Umgebung und ebenso alle Vorgänge in der Natur mit einen:starken persönlichen, gemütlichen Anteil. Die freilich wieder mit demSeelenglauben zusammenhängende Heiligung von Wäldern und Bäu-men, die Belebung von Schluchten, Gewässern, Höhlen, Waldwinkelnmit geheimnisvollen Wesen, die phantasievolle Auslegung der Be-deutung mancher Vögel, der Schlangen usw., die oft aufgeregte Teil-nahme an den Himmelsvorgängen, insbesondere das Verhältnis zur FrauSonne und dem Herrn Mond, namentlich aber die physische Grundauf-fassung der Götterwelt überhaupt gehören hierher. Von diesem starkenNaturgefühl sind alte Märchen und Sagen, sind die Bilder des Rechts-lebens nicht minder uralte Zeugen. Gemüt zeigt aber auch der entschiedenmystische Zug, der die Naturreligion des Germanen durchdrängt. Eingeheimnisvolles Weben geht durch die Natur; was den nüchternen Ver-stand Phantasiegebilde dünkt, fühlt der Germane noch als Realität. Dunk-ler innerer Kräfte wird er sich bewußt und glaubt an sie. Aus solchen An-