Band 
I. Teil. Von der germanischen Urzeit bis zur französischen Revolution.
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Georg Steinhaufen.

deckt sich mit einer übergroßen Empfindlichkeit, die leicht zu Zank undStreit, ja in dem Gefühl der Kränkung zum Volksverrat führt, und weitermit einer allzu großen Eigenliebe, die oft übersehen wird. Nichts warauch dem späteren Deutschen heilsamer und nichts fiel ihm schwerer alsdie „Zucht," die allerdings wesentlich das äußere Benehmen betrifft.

Aber diese, zuweilen rohe Formen annehmende Ungebändigtheit,Willkür und Selbstherrlichkeit hat nun doch auch jenen bereits hervorge-hobenen Individualismus im Gefolge, der sich zwar oft verderb-lich, oft aber, auf idealem Gebiete namentlich, segensreich gezeigt hat.Dieser individualistische Zug ist durchaus erkennbar, trotzdem das so-ziale, rechtliche, sittliche und geistige Leben im Zeichen einer starken Ge-bundenheit steht und bei dem instinktiven, herdenmäßigen Handelnder Begriff des einzelnen noch kaum faßbar ist. Im Staat ist das Indi-viduum nichts; in seinen wichtigsten Lebensäußerungen bindet den ein-zelnen das Geschlecht; er haßt und tötet sogar, weil das Geschlecht es sowill. Überhaupt lenkt und leitet ihn feste Sitte. Wo er handelnd auftritt,im Heer, im Gericht, in der Volksversammlung, steht er im Banne einesMuß. So zeigt sich das Freiheitsgefühl mehr im Auflehnen, woraus sichschon eine mangelnde Festigkeit der staatlichen Gewalt ergibt, in der Dis-ziplinlosigkeit des einzelnen, sowie in der häufigen Maßlosigkeit da, woder Germane sein eigener Herr ist. Zum Teil geht der Individualismusauf jene innerliche Richtung des Germanen zurück, die zuweilen in einergewissen Verschlossenheit zum Ausdruck kommt. Das Sonderdasein, dasFürsichsein ist deutsche Art. Daher auch jene Ausprägung der Stammes-gegensätze, daher für die den Deutschen von jeher verhängnisvolle poli-tische und sonstige Zersplitterung. Aus der Pflege individuellen Lebensergibt sich weiter auch leicht Überhebung. Sie zeigt sich früh in jenerausgeprägten Spottlust, in der Nichtachtung der Eigenart anderer. Esergibt sich aber weiter daraus ein Ignorieren der realen Verhältnisse undein ausgeprägter Idealismus, den man wohl auch schon im germa-nischen Wesen finden mag. Der leidenschaftliche Drang des Germanenwird leicht phantastisch. Der Hang zu abenteuerlichem Leben zeigt sichfrüh. Man folgt allzugern unbestimmten, nebelhaften Zielen.

In der Tat hat die Ader der Willkür im germanischen Menschen ihreausgesprochen ideale Seite. Ihr darf aber noch ein ihr sogar wider-streitender Zug gegenübergestellt werden. Der willkürliche Germanehatte doch wieder einen ausgesprochenen Sinn für Recht und Ordnung.Das Rechtsgefühl hat sich später bei dem Deutschen oft so lebhaft ge-zeigt, daß man es zuweilen als seinen wichtigsten Charakterzug ange-sehen hat. Auch bei dem Germanen ist es schon stark erkennbar. Als einhervorragend rechtliches Volk schildert Tacitus ausdrücklich die Chauken,„das edelste (nodilissimus) Volk unter den Germanen," ein Ausdruck, dereine Hochsinnigkeit, eine Anständigkeit der Gesinnung in sich schließt.