Der germanische Volkscharakter.
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über Nacht einander abwechselnd schlafen lassen, um bei Tagesanbruchweiterzuringen. Vor allem aber kommt die Treue gegen den Herrn inBetracht: sie wird, wo es sich um persönlichen Dienst handelt, dem rö-mischen Herrn, wenn man sich einen solchen gewählt hat, ebenso gehaltenwie dem germanischen, ein Zug, den die Römer wohl zu benutzen wußten.Auch diese Mannentreue wird zwar später immer häufiger gebrochen, abernoch lange war die Kraft dieses in tiefer gemütlicher Auffassung wur-zelnden Verhältnisses überaus gewaltig. Äm stärksten kam diese Treuein der Gefolgschaft, bei der sich der Herr seinerseits den Mannen zur Treueverpflichtet fühlte, zunr Ausdruck. Aus solcher Treue, die auch etwasÄußerliches, durch eine Verpflichtung Zwingendes hat, konnte allerdingsUnterwürfigkeit, Servilität werden. Wie weit dieser Zug bei demgermanischen Menschen schon zum Vorschein kam, ist nicht festzustellen.Der spätere Deutsche hat ihn oft in erheblichem Maße gezeigt, und nichtganz mit Unrecht hat man von einer deutschen Bedientennatur gesprochen.
Indessen diese häßliche Nebenart der Dienertreue, die sich vielleichtschon in dem willigen Annehmen römischer Herren zeigt, würde wiedermit einem anderen Zuge des germanischen Menschen kontrastieren, mitseiner ausgesprochenen Disziplinlosigkeit, die überhaupt mit derMannentreue nicht zu harmonieren scheint. Diszipliniert wie der Slaweist der Germane nicht: das willige Ordreparieren der späteren Preußen,ihre stramme Manneszucht muß daher zum Teil aus der Mischung mitslawischer Art erklärt werden. Der Germane gehorchte durchaus ungern.Seine Doppelseele zeigt opferwillige Treue und lebhaften Ungehorsamnebeneinander. Das hängt wieder mit einem starken Unabhängig-keitsgefühl, das sich in einen: maßlosen Trotz wie in einem unbeug-samen Stolz zeigt, zusammen. Wesentlich Stolz war es, wenn jene frie-sische Gesandtschaft sich ihrer Tapferkeit und Treue rühmte. Stärker aberist noch der Trotz der Selbständigkeit. Derselbe Germane, der sich so leichtin römische Dienste begab, besaß das ausgeprägteste Freiheitsgefühl.Hierin zeigte er auch dieselbe Unbändigkeit wie in jenem kuior lsutomcms,in der Trunksucht, in der Spielleidenschaft. So, wie sein freier Wille war,wollte er leben und sich geben. In den „Historien" läßt Tacitus den Tutorsagen: „Die Germanen lassen sich nichts befehlen, sich nicht regieren,sondern tun alles nach ihrer Willkür," und in den „Annalen" fügt er derErwähnung zweier Häuptlinge, „die das friesische Volk regierten," hin-zu: „soweit Germanen überhaupt regiert werden." Diese Selbstherrlich-keit, diesen geradezu demokratischen Zug hebt er auch einmal in der„Germania" hervor, daß man nämlich niemals gleichzeitig und wie aufGeheiß zu den Versammlungen käme, sondern daß es Tage dauere, bisalle beisammen wären. Das Sichnichtfügenkönnen ruft auch jenen fort-währenden Hader zwischen den Mächtigen hervor, der z. B. bei denGroßen der Cherusker zu nahezu völliger gegenseitiger Vernichtungführte, einen Hader, der auch die Sippe zerriß. Diese Selbstherrlichkeit