Band 
I. Teil. Von der germanischen Urzeit bis zur französischen Revolution.
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Städtisches Dasein im späteren Mittelalter.

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Städten, die ihre Mauern erweitert hatten, derselbe Allblick. Auch hieriunerhalb der Stadtmauer Weinberge und Kirschgärten, Gemüse- undBlumenanlagen; dem entsprechend breite, schmutzige Straßen, und ihnenzur Seite kleine Häuser mit einem stattlichen Dunghaufen als Vorbau,bewohnt von ärmlicher landbauender Bevölkerung.

Die Erscheinung erklärt sich aus der Tatsache, daß die Städte nochnicht allzulange das bisher ausschließlich geltende System der Natural-wirtschaft durchbrochen hatten: noch klebten ihnen die Spuren ihrerfrüheren Daseinsform in: Sinne eines bevorzugten größeren Dorfes an.Die meisten Städte waren noch in starken: Maße Ackerstädte; in Koblenzstellte man in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts während derErntezeit die Arbeit an der Stadtmauer wegen mangelnder Arbeitskräfteein; in Frankfurt gab es noch im Jahre 1387 4 Hirten und 6 Flurschützen,und noch im 15. Jahrhundert wurde eine kräftige Verordnung gegen dasUmherlaufenlassen voll Schweinen in den städtischen Straßen erlassen.Die Belege für die Tatsache einer weitverbreiteten Ackerbaubevölkerungauch in den größten Städten sind überaus zahlreich, Viehzucht und Gar-tenkultur standeu noch stark entwickelt neben Industrie und Handel, jasie hatten noch ihren eigenen Standort in dem Land vor den Toren, tviein den der Stadtmauer zunächst gelegenen Teilen des innerstädtischenBodens.

Industrie und Handel dagegen führen in das Zentrum der Siede-luug. Hier bewohnen die Zünfte oft gemeinsam enge Gassen mit nachder Straße zu geöffneten Handwerksstuben; hier drängen sich nach den:Flusse oder der sonstigen Verkehrsader zu die Warenhäuser der Kauf-leute; hier schmiegen sich die kleinen Verkaufslokale des Kramhandelsjedem Winkel an. Und durchwandert man diese Stadtteile, so trifftman häufig genug, in: eigentlichsten Zentrum der Stadt, etwa gar umMarkt und Rathaus herum, auf ein paar durch Holztore abgesperrteStraßen mit wenigen Eingängen und geschlossener Ansiedlung: das istdas Judenviertel. Hier erhebt sich inmitten der Gemeinde die Juden-schule, die Synagoge; ein bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts oft präch-tiger Bau romanischen oder frühgotischen, mit eigentümlichen orien-talischen Reminiszenzen gemischten Stiles; hier gebietet der Juden-bischof mit seinen Ältesten und verwahrt einen jener Schlüssel, mit wel-chen die Tore des Viertels während der Nacht geschlossen werden, un:das dem Bürger wirtschaftlich wie national fremde Volk vor der Wut desPöbels zu schützen.

Es ist kein Zufall, daß auf diese Weise Art und Standort der bürger-lichen Tätigkeit in den mittelalterlichen Städten verteilt ist: wenn die inbesonderem Sinne bürgerliche Beschäftigung in Handel und Gewerbeden mittleren, der landwirtschaftliche Beruf dagegen dem äußeren Kreisedes Stadtareals zufällt, so wird man darin leicht den Niederschlag einergeschichtlichen Entwicklung erkennen. Bis in das 13. Jahrhundert hin-

Schmieder, Lcltüre. I. Teil. g