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Karl Lamprecht.
erhalten sind; allein auch hier tritt wieder die heikle Frage auf, wievielSeelen denn hinter jedem Steuerzahler gestanden haben. Geht manunter der durch alle diese'und andre Schwierigkeiten auferlegten Zurück-haltung an die Aufstellung von Bevölkerungsziffern, so wird man einemittlere Stadt auf höchstens 10 000 Einwohner schätzen dürfen; inneuerer Zeit ist Basel auf höchstens 15 000, Nürnberg auf etwa 20 000,Straßburg, wohl zu hoch, auf 50 000 Seeleu berechnet worden.*)
Zudem gelten alle diese Ziffern nur für das spätere Mittelalter;aber wie stets in Zeiten rasch erfolgenden Aufblühens, blieb das Be-völkerungsverhältnis dep einzelnen Städte zueinander keineswegsdasselbe. So wird noch im 12. Jahrhundert Mainz, der Brennpunktdes oberrheinischen durch die schwierige Passage des Binger Lochs zumgroßen Teil vom Niederrhein getrennten Handels, als das Haupt desReiches, die goldene, die größte Stadt bezeichnet, aber schon im 14. Jahr-hundert wurde es von Straßburg erreicht, und im 15. Jahrhundert kamFrankfurt neben diesem auf, um es bald zu übertreffen. In den Nieder-landen aber gab es im 12. Jahrhundert nur drei große Städte, Gent,Brügge und Jeperen, im 13. Jahrhundert dagegen kamen die braban-tischen industriereichen Städte empor und schlugen dann die flandrischenStädte im 14. Jahrhundert wohl durchweg an Zahl der Einwohner. Mitdiesem Jahrhundert endlich hoben sich an Volksreichtum vor allem dieStädte des Ostens, Hamburg, Lübeck, Danzig und andre; hier war dieZufuhr durch große Flüsse und zur See erleichtert, die Absperrung durchTerritorialmächte geringer, und der lebhafte Handel der Hanse führteweithin zu tatsächlicher Freizügigkeit auch der ländlichen, nun in dieStädte strömenden Bevölkerung.
Indes wie hoch auch immer sich die Volkszahl mittelalterlicher Städtebelaufen haben mag, jedenfalls wäre es falsch, von einer relativ geringenBevölkerungsziffer auf die geringe politische Bedeutung dieser Zentrenzu schließen. Schon die Geschichte des Reiches im 14. Jahrhundert müßtediese Annahme verbieten; sie bleibt ohne Arischlag der gewaltigen Kraft-äußerungen der Städte unverständlich. Und diese Kraftäußerungensetzen bedeutende materielle Mittel voraus, wie sie bei verhältnismäßigso geringer Seelenzahl nur eine durchschnittlich wohlhabende Bevölke-rung aufbringen konnte. In der Tat erreichte der mittlere Wohlstand desdeutscher: Bürgertums in dieser Zeit, soweit diese Frage bisher unter-sucht worderr ist, alle Vorstellungen, die sich an blühende Epochen irgendeiner uns bekannten Kultur knüpfen können. Vor: der: 15 000 Eiuwoh-
*) Straßburg hatte im Jahre 1580 195 Gassen mit 3618 Häusern; vgl.C- Schmidt, Straßburger Gassen- und Häusernamen, 2. Ausl. S- 21. Schmidtnimmt dieselbe Größe für das 15. Jahrhundert an. Antwerpen wird für Endedes 14. Jahrhunderts auf etwa 20 000 Einwohner berechnet, ebenso Löwen,Brüssel auf 40 000(?), s. Banderkindere S. 380. Ein schönes Beispiel zur ge-wöhnlichen Überschätzung der Bevölkerungshöhe noch im 16. Jahrhundert bietetLuther, Tischr. 2964.