76
Karl Lamprecht.
Dunkel der Nacht — noch gab es höchstens an Brücken Laternen, denenmeist fromme Stiftungen zugmnde lagen — und bei der Enge der staat-lichen Verhältnisse jeder solcher Auflauf einen revolutionären Charakterannehmen konnte. Darum suchte man auf jede Weise Zusammenrot-tungen im Dunkel zu verhindern. Mit Beginn der Dämmerung wurdendie belebtesten Straßen durch Ketten gesperrt, zu deren Bewachung be-sondere Posten in Kettenhäuschen dienten; meist schon um 9 Uhr be-gann die Polizeistunde: wer nach dieser Zeit ohne Laterne auf derStraße betroffen ward, der wurde verhaftet, mußte in unserer Herrenvom Rate Turm gehen. Es entsprach diesem Verfahren, wenn mangegen alle Strolche und Stromer streng vorging. Namentlich suchteman hier die Fühlung des städtischen Pöbels mit dem ländlichen Vaga-bondentum zu durchbrechen; jeder fremde Bettler wurde vor das Torgesetzt, bisweilen wohl auch vorher noch ein wenig gestäupt oder ge-foltert.
Indes so streng diese Maßregeln waren, so wenig haben sie dasaufwallende Leben der städtischen Bevölkerung des Mittelalters unter-drückt und teilweis unterdrücken wollen. Unter dem aristokratischenRegiment des Rates wurden den jungen Söhnen der ratsfähigen Ge-schlechter große, bisweilen übel angebrachte Freiheiten zugestanden —z. B. durften sie in einigen Städten eine zudiktierte Haft im Ratskellerstatt im Gefängnis absitzen; — und auch die Zunftbrüder tobten undlärmten auf ihren Zunftstuben und Gewerkslauben nicht selten bis tiefin die Nacht. Namentlich aber nahm man es mit der Sittenpolizei leicht.Es war schon ein großer Fortschritt, wenn man zu geordneten Frauen-häusern kam, die nicht selten geradezu als Finanzquelle der Stadt be-trachtet und stets sehr human verwaltet wurden: brannte doch im UlmerFrauenmünster jeden Sonntag Nacht der Jungfrau Maria zu Ehrenund allen gläubigen Seelen zum Trost eine von den gemeinen Frauengestiftete Kerze. Allein vielfach duldete man statt dessen offen das Un-wesen der Kameretten, Ballhäuser und Badestuben. Auch mit denSpielhöllen pflegte man erst dann aufzuräumen, wenn einige Gelb-schnäbel aus den Geschlechtern zu stark gerupft worden waren, im üb-rigen aber konzessionierte man sowohl sogar falsche Spiele gegen gewisse,dem Stadtsäckel zu entrichtende Abgaben auf Zeit oder Lebensdauer.In diesen und verwandten Maßregeln zeigt sich jenes weitherzige Ver-fahren, wie es werdenden Verhältnissen und dem Einfluß einer be-deutenden Fluktuation der Bevölkerung zu entsprechen Pflegt.
In der Tat ist die Freudigkeit im Schaffen, jener Optimismus, wieer sich aus der Gewißheit einer großen und verheißungsvollen Zukunftergibt, das bezeichnendste Merkmal des mittelalterlichen Stadtlebens;und nirgends hat dieser Zug wohl einen bleibenderen Ausdruck gewon-nen als in den großen Bauten der städtischen Verwaltungen aus dieserZeit mit ihrem monumentalen Charakter und ihrer Ausbildung einer