Luther auf dem Reichstage zu Worms.
Von Arnold E. Berger.
Am Osterdienstag, den 2. April, machte sich Luther auf die Reisein einem offenen Planwagen, den ihm der Rat der Stadt gestellt hatte,geleitet von einem Ordensbruder, Amsdorf und einem jungen Edel-mann aus Pommern. In Leipzig gewährte ihm der Magistrat denüblichen Ehrentrunk, dann gijlg es über Naumburg nach Weimar. Vonweither strömte das Volk zusammen, den Gewaltigen zu sehen: dieReise gestaltete sich mehr und mehr zu dem Zuge eines Triumphators.In Erfurt bereitete die Universität, an ihrer Spitze Crotus Rubeanus,ihrem größten Schüler einen glänzenden Empfang, die Humanistenwetteiferten in begeisterten Huldigungen, das Volk drängte sich in denStraßen und auf den Dächern; als er in der Kirche predigte, vermochteder Raum die Menge nicht zu fassen, und die Emporen drohten einzu-stürzen. Justus Jonas, der für eine Berufung nach Wittenberg auser-sehen war, schloß sich Luthers Weiterreise an. Auch in Gotha und Eise-nach predigte der Gefeierte, sagenhafte Gerüchte knüpften sich an seinenPfad. Am 14. April traf er in Frankfurt ein, auch hier fehlte es an Hul-digungen und Segenswünschen nicht; in einer Herberge soll er auf derLaute gespielt haben. Inzwischen war ihm schon bekannt geworden, daßdas kaiserliche Edikt vom 10. März, welches die Auslieferung seiner sämt-lichen Schriften anbefahl, nunmehr veröffentlicht worden sei: mit Rechterkannte er darin einen Versuch, ihn von der Reise nach Worms nochjetzt abzuschrecken, denn an diesem Urteil mußte ihm klar werden, daßman sich auf Verhandlungen mit ihm jetzt nicht mehr einzulassen denke.Luther erschrak; um so mehr, als ihn der Herold fragte, ob er unter diesenUmständen seine Reise noch fortsetzen wolle. Aber heldenmütig gab erseinen Entschluß zu erkennen: „Wir werden in Worms einziehen trotzallen Pforten der Hölle!" . . .
Auch eine letzte Warnung Spalatins, die ihn an Hus und denBruch seines Geleits erinnerte, vermochte ihn nicht mehr wankend zumachen. Mit dem Triumphgefühl des Märtyrers ging er seinen Wegund jubelte: „Ist schon Hus zu Asche worden, so ist doch die Wahrheitnicht verbrannt!"