Luther auf dem Reichstage zu Worms.
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Am 16. April, morgens um 10 Uhr, zeigte ein Trompetenstoß desDomtürmers die Einfahrt Luthers an. Einige hundert Reiter, zumTeil Sickingensche, hatten ihm bis zum Tore das Geleite gegeben,jetzt fuhr er mit seinen Begleitern ein, der kaiserliche Herold voran. Einetausendköpfige Menschenmenge flutete ihm entgegen und drängte demWagen nach; ein Priester berührte dreimal die Kleider des heiligenMannes, als er vor der Herberge abstieg. Noch einmal ließ Luther seine„dämonischen Augen" in die Runde schweifen, und mit den Worten„Gott wird mit mir sein" trat er durch das Tor. Erregt wogte das Volkauf und nieder, der Herold wußte von Wundern zu berichten, die er denGottesmann unterwegs habe verrichten sehen; man harrte gespanntdarauf, ob auch in Worms sich nicht Wunder ereignen möchten, ob nichtder Herrgott selber sich ins Mittel legen werde, seinen Propheten wideralle Feinde zu schirmen. Im Johanniterhofe, wo Luther bei einigensächsischen Edelleuten einquartiert war, ließ der Strom der Besuchernicht nach bis in die Nacht hinein: Hoch und niedrig, Priester und Laienbegehrten den größten Mann Deutschlands von Angesicht zu Angesichtzu schauen.
Schon am andern Morgen traf die Vorladung ein, Luther habenachmittags um 4 Uhr vor Kaiser und Reich zu erscheinen. Aleanderhatte im Einvernehmen mit den: Kaiser den Gang des Verfahrens ent-worfen: eine theologische Disputation sollte prinzipiell vermieden, soformell und summarisch als möglich sollte vorgegangen werden, dieFragen, welche an Luther zu richten waren, wurden von Anbeginn fest-gelegt. Es war unmöglich, die Stunde der Entscheidung geheim zuhalten: als der Reichsmarschall und der kaiserliche Herold Luther in diebischöfliche Pfalz abholten, staute sich die Menge in den Straßen. Nurauf Umwegen war das Ziel schließlich zu erreichen. Daß das Volk inden Hof einbrach, mußte mit Gewalt verhütet werden, aber Zuruf undBeifall hallten dem Eintretenden nach.
Gestärkt durch heißes Gebet, frohen Mutes, gehoben durch die Be-geisterung der Menge, die er eben durchschritten, ja, mit der scheinbarenHeiterkeit, die wir von Leipzig her an ihm kennen, war Luther in denSaal getreten. Aber befangen, beklommen, unbeholfen und seinerHaltung nicht recht mächtig stand er jetzt vor dieser glänzenden Versamm-lung. Er unterlag der Gewalt dieses sinnlichen Eindrucks: sein Bauern-tum kam ihm nicht ohne Beschämung zum Bewußtsein, der weltscheueMönch fühlte sich unsicher, verwirrt, die natürliche Ehrfurcht vor denMächtigen dieser Erde beugte ihn nieder; es war ihm, als sollte er,diesen zahllosen forschenden Augen auszuweichen, „in den Winkel krie-chen;" er fühlte, daß er der Situation nicht gewachsen war, es konnteihm nicht entgehen, daß er zum mindesten in den Augen der Romaneneine üble Figur machte, daß mancher enttäuscht, achselzuckend, mitspöttischem Lächeln auf den unscheinbaren, eckigen Mann deutete, der