Band 
I. Teil. Von der germanischen Urzeit bis zur französischen Revolution.
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Würdigung Lönig Friedrich Wilhelms I.

Von Hermann v. Petersdorff.

König Friedrich Wilhelm I. ist eine der merkwürdigsten weltge-schichtlichen Erscheinungen. Wenige Menschen sind mehr verkannt wor-den wie er. Und er ist in der Tat schwer zu begreifen gewesen, weil einWust von Spinnweben über sein Wesen und Wirken verbreitet war.Erst in neuerer Zeit ist es der unermüdlichen Forscherarbeit zahlreicherGelehrter gelungen, den Kern seiner Persönlichkeit und die Bedeutungseiner Regierung klarzustellen. Interessant dabei ist es, daß ein Eng-länder, Carlyle, zu den ersten gehörte, der für die schlichte Größe Fried-rich Wilhelms Verständnis zeigte, und daß ein Franzose, Lavisse, eineder feinsten psychologischen Analysen seiner Persönlichkeit gegeben hat.Das Hauptverdienst aber um die Ergründung seines Wesens hat nebenRanke und Droysen Gustav Schmoller und mit ihm ein Stab von Ge-lehrten, den er herangebildet hat. Jedoch trotz der jahrzehntelangenArbeit dieser verdienstvollen Männer ist es der deutschen oder vielmehr— da Friedrich Wilhelm I. im Gegensatze zu Friedrich II. mehr einerein preußische Mission zu erfüllen hatte — der preußischen Nationnoch lange nicht genügend zum Bewußtsein gekommen, wieviel Danksie diesem Fürsten schuldet. Noch immer spukt das Zerrbild FriedrichWilhelms I. in tausend Köpfen, das ihn als eine halb lächerliche, halbwiderwärtige Figur erscheinen läßt...

Friedrich Wilhelm I., geboren am 15. August 1688, war im Gegen-satz zu dem prunkvollen Leben und Treiben am Hofe seines Vaters großgeworden. Wenn das zwar zur Folge hatte, daß er seinen Sinn denWissenschaften und der Kunst verschloß, so brachte es doch das Gutezuwege, daß er die Einfachheit undzdie Sparsamkeit lieben lernte unddaß er die unermeßlichen Gefahren fürstlichen Nichtstuns erkannte.Schon in einem Alter von zwanzig Jahren völlig mit sich fertig, zeigteer, nachdem er am 25. Februar 1713, fünfundzwanzigjährig, zur Re-gierung gelangt war, einen ungemein praktischen Sinn, ein goldenesGemüt, einen unvergleichlichen Drang zur Tätigkeit, aber zugleich einbeispiellos stürmisches Temperament. Seine Windsbrautnatur, wie mandiese Seite seines Wesens wohl genannt hat, gereichte dem Staatemeist zum Segen, weil sie das beste Mittel war, um das Räderwerk des-