Friedrichs des Großen Wesen und geschichtliche Stellung.
Bon Wilhelm Wiegand.
Das wundervolle Geschenk des Schicksals, das der deutschen Nationinnerhalb der Spanne eines Jahrhunderts zwei führende politischeGeister, zwei geborene Herrschernaturen bescherte, hat in der Anschau-ung der lebensvollen Wirklichkeit und im Vergleich einer immer mehrsich erschließenden Vergangenheit wieder das Verständnis für die Le-bensbedingungen des großen konservativen Staatsmannes geöffnet,damit zugleich den Blick für Friedrichs eigenstes Wesen erweitert undgeschärft. So reizvoll auch diese Parallele für einen modernen Plutarchwirkt, denn überraschend stark sind die Ähnlichkeiten in Friedrichs undBismarcks Politik und Staatskunst, sie darf uns hier nicht abseits führen.
Des Unergründlichen genug bietet das geheimnisvolle Walten desGenius, aber in Friedrichs Natur birgt es besonders zahlreiche und tiefeRätsel. Man hat in ihr die Taufrische der ursprünglichen, naiv schaffen-den Schöpfungskraft des Genius vermissen, im Willen und der denkendenÜberlegung, in Tatkraft und Reflexion die beiden bestimmenden Grund-elemente ihrer Mischung finden wollen. Diese Beobachtung enthältzweifellos manches Richtige; aber so einfach ist des Rätsels Lösung nicht.
Die Widersprüche, die in jeder menschlichen Seele liegen, tretenbei Friedrich in verwirrendster Fülle, in übergewaltigen Formen, inschneidendsten Kontrasten zutage. Bis in seine Handschrift, die mittenin ihren flüssig hingeworfenen, zierlich geformten Buchstaben die energischsicheren Striche heraushebt, erstreckt sich der Widerspalt seines Wesens.„Eine Zusammensetzung aus allen Gegensätzen", so bezeichnete denKönig schon ein gleichzeitiger französischer Diplomat. Immer im Wider-spruch mit sich selbst, so fand ihn bereits seine kritisch gesinnte Umgebung.Neben überschäumender Lebhaftigkeit, die sich, wie der getreue Eichelklagt, stets in Extremen bewegt, die sich dem ersten Eindruck widerstands-los gefangen gibt, die Einfälle des Augenblicks nicht zu unterdrückenvermag, die Ruhe berechneter Zurückhaltung, die Zucht scharfer Selbst-beherrschung. Neben feinster vibrierender Empfindsamkeit, die derVerlust eines teuren Lebens in Tränenströmen auslöst, die bei einertraurigen Erinnerung in finstere Melancholie ausklingt, die schon zittert,wenn ein Brief erbrochen wird, und erschrickt, wenn die Türe sich öffnet,
Schmieden, Leltürc. I. Teil. H