Band 
III. Das Altertum.
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sophen mit einem Hagel von Scheltworten überschütten: der Weiseaber hielt dem ebenso ruhig und gleichmütig stand, wie auf dem Schlacht-felde im Gewühl der Speere. Als ihm Xanthippe einst nach einer sol-chen Szene ein Becken voll Wasser nachgoß, sagte er lächelnd, indem ersich die kahle Stim abtrocknete: „Ich dachte es wohl, daß auf den Sturm-wind Regen folgen würde."

!> In seinem 40. Jähre legte der Meister Hammer und Meißel bei-seite und widmete sich von nun an ganz dem öffentlichen Leben. Tags-über schlenderte er durch die Straßen, und abends war er überall dabei,wo eine fröhliche Gesellschaft beisammen blieb. Besonders aber wo eseinen Disput gab, war er gleich bei der Hand. Bald wurde er der Schreckender Sophisten. Wo immer sie ihre andächtigen Zuhörer versammelten,drängte sich der ungewöhnlich häßliche Mann herbei und wußte sie durchseine überlegene Dialektik in Widersprüche zu verwickeln und die Un-zulänglichkeit ihrer Lehren rücksichtslos aufzudecken. Sokrates hatteseiner Zeit ins Herz gesehen. Er wußte, wie hohl es bei den meistenaussah, nie ihre Bildung, mit der sie so gerne Staat machten, nur eineHalbbildung schlimmster Sorte war, ein unverdautes Sammelsuriumaufgeschnappter Wissensbrocken ohne Zusammenhang und Kraft. Diesseinen Mitbürgern zum Bewußtsein zu bringen, hatte er sich zur Auf-gabe gesetzt.

Er begann jeweils mit dem Bekenntnis seines Nichtwissens: „Ichweiß nur eines, nämlich, daß ich nichts weiß. Den vielen anderen, denenes ebenso geht, bin ich darin über, daß ich mir nicht einbilde, weise zusein, wo ich es nicht bin." Es war ihm Ernst mit diesem Bekenntnis.Im Gegensatz zu den Sophisten glaubte er an eine allgemein verbind-liche Wahrheit, vor der sich der einzelne zu beugen habe; aber freilichmüsse um sie gerungen werden; sie fliege dem Menschen nicht wie einegebratene Taube in das staunend geöffnete Maul. Damit, daß maneinem sophistischen Schönredner zuhört, ist es auch noch nicht getan:es bedarf des ernsten Nachdenkens und Sichbesinnens.

Der delphische Gott, an dessen Tempelpforte das berühmte „Er-kenne dich selbst" geschrieben stand, hatte allen Grund, mit diesem Apostelder inneren Einkehr zufrieden zu sein: die Priesterschaft von Delphi er-klärte Sokrates für den weisesten der Menschen.

Hatte Sokrates durch seine eindringlichen Fragen die Zuhörer zuder Erkenntnis gebracht, daß sie die Wahrheit und Wissenschaft noch nichtbesäßen, sondern erst noch suchen müßten, dann leitete er sie an, durchgemeinsames Nachdenken das zu ermitteln, was alle gemeinsam aner-kennen müssen. Der einzelne kann ja freilich nur allzu leicht irren, darinstimmte er den Sophisten vollkommen bei, aber was von verschiedenenPersonen in gemeinsamer Selbstprüfung gefunden worden ist, wassie alle übereinstimmend als Wahrheit anerkennen, das dürfte auf denTitel Wahrheit allerdings Anspruch erheben. Wir nennen heute jene