Band 
III. Das Altertum.
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zur Erde, die meinigen aber stehen offen, so daß sie die Gerüche vonüberall her aufnehmen können."

K.: „Inwiefern ist aber eine stumpfe Nase schöner als eine gerade?"

S.: „Weil sie nicht absperrt, sondern die Augen ohne weiteres sehenläßt, was sie begehren, die hohe Nase aber gleichsam hochmütig die Augenverbaut."

K.: „Hinsichtlich des Mundes, o Sakrales, gebe ich den Wettstreitauf; denn wenn er zum Abbeißen da ist, so kannst du ein viel größeresStück abbeißen als ich. Weil du aber dicke Lippen hast, glaubst du nicht,daß auch dein Kuß süßer ist?"

S.: „Es scheint, daß ich nach deiner Darstellung ein häßlicheres Maulhabe als selbst die Esel. Rechnest du aber das nicht für einen Beweis,daß ich schöner bin als du, daß auch die Najaden, die doch Göttinnen sind,die Silene*) zur Welt bringen, die mir viel ähnlicher sind als dir?"

Derselbe Mann, der hier beim Becher so lustig sich selbst verhöhnt,konnte ein andermal wieder von erschütternder Hoheit sein. Selbst derlockere Alkibiades, dem nicht leicht etwas Eindruck machte, bezeugt vonihm: „Weit heftiger als tanzenden Korybanten pocht mir mein Herz,wenn ich Sokrates höre, und Tränen werden mir ausgepreßt vonseinen Reden. Und ich sehe, daß es vielen anderen ebenso geht. Höreich Perikles sprechen, so habe ich wohl das Gefühl, daß er gut redet;durch diesen göttlichen Silen aber werde ich in eine solche Erregung ver-setzt, daß ich es nicht der Mühe wert achte, weiter zu leben, wenn ich sobleiben sollte, wie ich jetzt bin. Denn er nötigt mich einzugestehen, daßmir selbst noch gar vieles mangelt, während ich mir doch anmaße, dieAngelegenheiten Athens zu besorgen. Mit Gewalt halte ich mir daher,wie angesichts der Sirenen, die Ohren zu und entfliehe, um nicht bis inalle Ewigkeit bei ihm zu sitzen. Aber auch so kann ich's nicht hindern,daß mich beim bloßen Gedanken an ihn die Scham überfällt."

In seinem siebzigsten Lebensjahre, einige Jahre nach dem Sturzder Dreißig Tyrannen und der Wiederherstellung der demokratischenVerfassung, traten drei Männer mit einer öffentlichen Klage gegen ihnauf. Der Tragödiendichter Meletos, der Redner Lykon und derStaatsmann Anytos schlugen am Portikus des Archon Basileus eineKlage folgenden Inhalts an: „Sokrates ist schuldig, weil er nicht Götterunserer Stadt ehrt, sondern Götter seiner Erfindung; dann, weil erdie Jugend verführt. Die gesetzliche Strafe ist der Tod." Sie spitzten sichfür den ersten Teil ihrer Aussage auf das Daimonion, jene innere Stimme,von der Sokrates sich abhängig bekannte. Ihre zweite Beschuldigungließ sich allenfalls damit rechtfertigen, daß unter den Schülern, die anSokrates hinaussahen, auch Alkibiades und Kritias sich zeitweilig be-funden haben. Die Beweggründe der drei Männer waren die klein-

i) Silen---Begleiter des Bakchos.