6
1. Die Länderentdeckungen.
H.) Die Entdeckung des Seeweges nach Ostindien.
(1418—1499.)
1. Indien. Vor dem 15. Jahrhundert waren außerEuropa nur die Länder am Mittelmeere nebst demSüden und Südosten Asiens genauer bekannt. Es warendas jene Länder, von denen uns die Geschichte des Altertumsund der Kreuzzüge erzählt hat: Ägypten, Kleinasien, Syrien rc,
Indien galt als Wunderland wegen seiner reichen undherrlichen Produkte. Schon die Griechen und Römer rühmtenseinen Zimmet, Pfeffer, seine Nelken und seinen Tee.Feine Holzarten, Gold, Elfenbein, Edelsteine, Perlen, Seide,alles war dort zu finden. Zu Indien aber rechnete mandamals nicht bloß Vorder- und Hinterindien mit dem ostin-dischen Archipel, sondern auch einen Teil von China und Japan.
2. Der Wrkelsr mit Indien. Der Verkehr jedoch mitIndien war immer noch sehr beschwerlich, unsicher undkostspielig. Die Waren mußten zu Lande von Karawanenüber die Gebirge und durch die Wüsten des inneren Asiensbis an das Schwarze Meer gebracht werden; oder sie kamenzu Schiff in den Persischen Golf und den Tigris aufwärtsbis Bagdad und von da durch die Wüste nach den Hafen-plätzen Syriens, oder endlich an das Nordende des RotenMeeres und von da nach Kairo und Alcxandrien. Wie oftmussten sie da umgeladen werden! Wie oft standen sie inGefahr, verloren zu gehen oder verdorben zu werden!
Überdies erschwerten, besonders seit den Kreuzzügen, dieTürken den Handel.
Was Wunder, wenn unter diesen Umständen, nament-lich im Westen Europas, täglich mehr der Wunsch sich regte,vielleicht um Afrika herum, einen direkten Seeweg nachIndien zu finden.
Aber wie sollte das möglich sein? Afrika war mit Aus-nahme der Nordküste noch vollends unbekannt. Zudem er-höhte eine Reihe von abenteuerlichen Sagen die Schwierig-keiten. Unter dem Äquator, hieß es, sei das Wasser siedendheiß, an anderen Stellen wimmle das Meer von grausigenUngeheuern, auch habe Afrika kein Südende.