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überlästig, daß sie sich nicht scheuten, neben sonst zugestatteter großer Un-gelegenheit von den Herren Botschaftern selbst Speise und Zuckerwerk zuerbetteln. Besser hätten sie ihr häßliches, mit Bleiweiß und Meinung ver-kleckstes Angesicht bei Hanse gelassen und anstatt eines naseweisen Aus-spähens ihre eigenen Mangel verbessert. Andere vornehme und ehrlicheDamen aber bezeigten sit, so sittsam und tugendhaft, daß ihnen die Ehr-barkeit in den Augen und auf der Stirne stand, die nicht allein in Wortenkeinen Überfluß, sondern in Annehmnng einiges Zuckerwerkes große Be-scheidenheit erwiesen, teils auch desselben sich gar bedankten und höflichentschuldigten." Auch dem zehnjährigen Dauphin wurden die Gesandtenvorgestellt. „Anfangs," so erzählt derselbe Gewährsmann weiter, „wardieser etwas erschrocken und unmutig. Auf Zureden der Herzogin vonMontanster aber wurde er beruhigt, gab allen Herren Botschaftern undihren Begleitern sein rechtes Händlein und sprach mit liebreicher Stimmezu ihrer etlichen: inon nini!" Nach dem Schwur erschien der
König selbst an der Tafel und trank auf das Wohl der Schweizer. Soverstand man es damals in Versailles, diese hinzuhalten und ins Garnzu locken, selbstverständlich wurden dabei auch Gnadenketten und Schau-münzen nicht gespart."
Einer der ersten, der dem französischen Einflüsse in derSchweiz damals mit Energie und auch mit Erfolg entgegen-trat, war der erste Minister oder Landhofmeistcr des Abtesvon St. Gallen, Baron Fidel von Thurn. Auf sein Be-treiben namentlich trat in der Folge in der Schweiz auch anStelle des Bündnisses mit Frankreich vom Jahre 1663 derösterreichische Erbverein. Ludwig XIV. suchte sich zu rächen.— Umsonst, der Landhofmeister stellte der Drohung desKönigs diejenige des Kaisers gegenüber, und Abt und Kapitelgehorchten seinem Winke. Man entzog dem Stifte die Bundes-gelder, den Studenten die Stipendien; man trank dem Abtenicht mehr Gesundheit zu! Umsonst! Gallus blieb fest. Jetztging es an den Minister. Der Baron wurde nicht mehr zuden öffentlichen Mahlzeiten geladen; Abt und Kapitel wurdenangegangen, ihn nicht mehr an die Tagsatzung zu setzen; dieseselbst wurde aufgestiftct, ihn nicht mehr zuzulassen, und umeher zum Ziele zu gelangen, sie von Baden in eine andereStadt zu verlegen. Aber alles umsonst. Der Baron bliebauf seinem Posten und kam auch an die Tagsatzung. Daließ der französische Gesandte in Luzern seine Diener mitdenen des Barons von Thurn Händel anfangen. Das nunfreilich war nicht mehr umsonst,^ indem nach altem Schweizer-gebrauch die St. Gallcr sofort den Stil umkehrten und dievorwitzigen Franzosen ganz erbärmlich abklopften. Der Ge-