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Grundriss der Weltgeschichte für höhere Lehranstalten / von J. C. Andrä
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96
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W

Schluß.

Pas ßnde der alte« Wett «nd die Begründung einer neuen Welt-ordnung durch das ßhristentum.

8 57 .

Die Fülle der Zeit.

Seitdem das römische Reich sich zur Weltherrschaft ausgedehnt hatte,war bei dem Volke mit der Einfalt der Sitten die Ehrfurcht vor denalten väterlichen Göttern mehr und mehr geschwunden. Aberglaube undUnglaube hatten überhand genommen; der vielgemischte Götterdienst warzum leeren Spiele herabgesunken, und die vermehrte wissenschaftliche Bildungvermochte so wenig den verlorenen Glauben zu ersetzen, als der stets fort-schreitenden sittlichen Entartung zu steuern.

Dagegen hatte das kleine Volk der Jude» den Glauben an den Einenwahren Gott festgehalten. Auch lebte in ihm die durch seine Pro-pheten erweckte große Hoffnung auf die Erscheinung eines Messias, derdas Volk Israel vor allen Völkern verherrlichen und die Gottesherrschaft(Theokratie) über die Erde verbreiten sollte. Freilich aber war diese Er-wartung vielfach durch fleischliche Mißdeutung entstellt: man dachte sichden Messias als weltlichen König, durch welchen das bedrückte Volk vonder verhaßten Römerherrschaft befreit und ein glänzendes irdisches ReichIsrael aufgerichtet werde. Denn der geistige Inhalt der OffenbarungGottes in der heiligen Schrift war verdunkelt durch die falsche Auslegungder Schriftgelehrten; der Kern der Weissagung trat zurück vor den vielerleiSatzungen, die als hartes Joch auf dem Volke lasteten. Insbesonderethat sich die Sekte der Pharisäer durch strenge Beobachtung einesäußerlichen Gesetzesdienstes hervor, während ihre Frömmigkeit durch Schein-heiligkeit entstellt war. Ihnen gegenüber standen die genußsüchtigen, zumUnglauben neigenden Sadducäer. Ein dritte Sekte, die der Essäer,lebte, vom öffentlichen Leben zurückgezogen, in der Einsamkeit als eineOrdensverbindung, die durch gewisse geheime Lehren und religiöseÜbungen zusammengehalten wurde. Im ganzen war das jüdische Volkwie äußerlich seit dem Verluste seiner Selbständigkeit, so auch innerlichdurch fleischliche Gesinnung und eitle Werkheiligkeit tief gesunken.

Da, in derFülle der Zeit", als die heidnischen Religionen inihrer Nichtigkeit erkannt waren, als auch das Gesetz der Juden sich un-zureichend erwiesen hatte, der Welt das Heil zu bringen, als daher das