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Bürger, geb. 1747, gehört zu den sprachgewandtesten unserer Dichter, ohne daß esihm doch gelang, das erstrebte Ziel, der erste Volkssänger seiner Zeit zu werden, völligzu erreichen. So lebensvoll seine Darstellung ist, so leicht und klangvoll seine Verse dahin-fließen, hat er gleichwohl nicht immer den echten Volkston getroffen. Ausgezeichnet istBürger in der Balladen dichtung: seine Lenore gilt noch heute als ein kaum erreichtesMeisterstück dieser Gattung; bekannt sind ferner: „Das Lied vom braven Mann", „Derwilde Jäger", „Der Kaiser und der Abt" u. a.
Auch Claudius, geb. 1740, der in Wandsbeck bei Hamburg lebte und die Zeitschrift:„Der Wandsbecker Bote" schrieb, wollte ein volkstümlicher Dichter sein undhat sich auch durch seine einfachen Lieder voll natürlicher Frische und schalkhafter Herz-lichkeit, voll lauterer Frömmigkeit und deutscher Gemütlichkeit des Volkes Liebe gewonnen.Im Geiste Paul Gerhärdts hat er das schöne Abendlicd gesungen: „Der Mond ist auf-gegangen" ; durch sein unvergänglich fortlebendes Rheinweinlied: „Bekränzt mit Laub denlieben vollen Becher" hat er in zahllosen geselligen Kreisen die Festfreude erhöht; imlustigsten Tone weiß er die „Geschichte vom Niesen Goliath" zu erzählen und von „UriansReise um die Welt" Bericht zu erstatten.
5. Die Weimarer Dichter. Weit über die zuletzt genannten Dichtererheben sich durch Großartigkeit und künstlerische Vollendung ihrer WerkeHerder, Goethe und Schiller, die wir (nebst Wie land) nach der Haupt-stätte ihres dichterischen Schaffens als die Weimarisch en Dichter be-zeichnen dürfen. Durch sie gelangte dieBlütezeit unserer Poesie zu ihremHöhestand. Indes fällt, namentlich bei Goethe und Schiller, nur derfrühereTeil ihres Dichterlebens noch in Friedrichs des Großen Zeitalter;die spätere Hälfte ihres Wirkens wird erst in der folgenden Periode derWeltgeschichte zu behandeln sein.
An dem kleinen Fürstenhofe zu Weimar wußte man eine Reihe der besten Schrift-steller dauernd zu fesseln. Die geistvolle Herzogin Anna Amalie, Friedrichs des GroßenNichte, berief dorthin Wie land zum Erzieher ihrer Söhne; der ältere der Prinzen, K a r lAugust, der 1775 im Alter von achtzehn Jahren als Herzog zur Regierung gelangte,gewann Goethe, Herder und Schiller für sein Weimar. „Was diese edelsten Geisterunserer Nation in ihren reifsten Jahren geschaffen, war zugleich ein Denkmal von KarlAugusts glorreicher Verwaltung." Der älteste der drei großen Dichter war
Herder, geb. 1744 zu Mohrungen in Ostpreußen, gest. 1803 in Weimar, ein reicherGeist, der nach den verschiedensten Richtungen hin anregend, weckend und befruchtendwirkte. Insbesondere ragte er hervor durch seine tiefe Einsicht in das Wesen und denUrsprung der Poesie, die er nicht als Besitztum einzelner, sondern als eine Völker gäbe,als „die Muttersprache des menschlichen Geschlechts" bezeichnete. Das Volk galt ihm alsdie Quelle, die alten Volksgesänge als die Grundlage aller echten Poesie. Mit Hingebungund anschmiegendem Verständnis studierte er in umfassendster Weise die Dichtungen fremderVölker und entlegener Zeiten, und gab sie in trefflichen Übersetzungen und Nachbildungenwieder. Seine „Stimmen der Völker in Liedern" enthalten charakteristische Ge-dichte aus allen Nationen. Sein „Eid", ein Epos in Liedern, ist eine Umdichtung spa-nischer Romanzen. Neben seinen meisterhaften Übersetzungen erheben sich Herders eigeneGedichte nicht zu großer Wirkung. Unter ihnen treten als die bemerkenswertesten dieLegenden und Parabeln hervor.