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Grundriss der Weltgeschichte für höhere Lehranstalten / von J. C. Andrä
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287
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5. Tod Kaiser Wilhelms I. Kaiser Wilhelm erreichte ein sohohes Alter, wie es höchst selten einem Menschen zu teil wird. Und doch ister bis in dieses hohe Alter hinein, ja bis zum Tode nicht müde geworden,mit der unvergleichlichsten Pflichttreue den Geschäften seines hohen Berufesobzuliegen. Noch am Tage seines Todes, als seine geliebte Tochter, dieGroßherzogin von Baden, ihn bat, sich zu schonen, erwiderte er ihr das denk-würdig schöne Wort:Ich habe keine Zeit, müde zusein." Erstarb am 9. März 1888, ein hochgesegneter Mann von 91 Jahren, ein wahr-haft großer Herrscher, dem sich im Kriege wie im Frieden nur wenige deut-sche Kaiser vergleichen können.

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Kaiser Friedrich (III.) und Kaiser Wilhelm II.

1. Kaiser Friedrich (III.) 1888 (9. März bis 15. Juni). Demgroßen Kais er Wilhelm I. folgte auf dem Throne sein Sohn Friedrich III.,geb. 18. Oktober 1831. Bei seinem Regierungsantritt verhieß er,in denWegen des glorreichen Vaters zu wandeln und dessen Werk fortzuführen."Das deutsche Volk, welches den Helden von Königgrätz, Wörth und Sedan,den stattlichen, leutseligen Prinzen, den für das Fürstenamt sorgfältig vor-bereiteten Erben der Krone seit lange ehrte und liebte, kam dem neuen Kaiservoll Vertrauens entgegen. Aber der Anfang seiner Regierung grenzte zunahe an das Ende: dem edlen Fürsten fehlte die ausreichende Zeit undLebenskraft, eine eingreifende und fruchtreiche Herrscherthätigkeit zu entfalten.Schon vor des Vaters Tode von schwerer Krankheit betroffen, konnte er nachseiner Thronbesteigung nur einige Monate (99 Tage) unter unsäglichen Lei-den pflichtgetreu seines hohen Amtes walten, bis er, ein heldenhafter Dulder,nach kaum hunderttägiger Herrschaft am 15. Juni 1888 aus dem Leben schied.Kein deutscher Kaiser, keiner der Hohenzollernfürsten hat kürzer regiert alser; gleichwohl bleibt dem frühe Geschiedenen neben dem erhabenen Bilde desgroßen Vaters eine dauernde Stätte der Liebe in allen deutschen Herzen ge-sichert.

2. Kaiser Wilhelm H. seit 1888. Friedrichs III. Sohn, geboren27. Januar 1859, bestieg wie seine berühmten Ahnen aus dem Hohen-zollernhause, der große Kurfürst und der König Friedrich der Große inder Vollkraft der Jugend den Herrscherthron. Aber der jugendfrische Fürstzeigte schon bei seinen ersten Kundgebungen, daß er die Lehren besonnener