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Predigten entarteten zu trockenen Mahnreden und handelten mehr von weltlichen als vongeistlichen und göttlichen Dingen; denn die Prediger selbst waren in erheblicher Zahl vomWeltsinn und Weltgeist beherrscht, der Geist Gottes schien von ihnen genommen. Sogeschah es, daß nicht allein die, welche den christlichen Glauben überhaupt verlorenhatten, sondern auch solche abfällig wurden, denen die evangelische Kirche selbst nicht(mehr) die volle göttliche Wahrheit zu besitzen, nicht den festen Anker zu bieten schien, anden sie sich halten konnten. Die letzteren traten zur katholischen Kirche über, die, in ihrerLehre und Verfassung auf den Felsen Petri unwandelbar gegründet, ihnen als die alleinseligmachende galt; es befanden sich unter ihnen hervorragende Künstler, Dichter, Gelehrte,auch fürstliche Personen; der bekannteste von allen Übertretenden war der Dichter GrafFerdinand Leopold zu Stolberg, der eine ausführliche »Geschichte der ReligionJesu' schrieb.
2. Glaube und Wissenschaft. Aber trotz solchen Abfalls lebte im Kerne des evange-lischen Volkes der alte Glaube und die Liebe zu der Kirche noch fort; auch fanden sich nochkirchsntreue Männer, die Segen um sich verbreiteten. Ein leuchtendes Beispiel liebes-eifrigen Glaubens gab vor allen der elsässische Pfarrer Obcrlin, der in dem rauhen, armenSteinthal des Vogesengebirges für die geistige und leibliche Wohlfahrt der Bevölkerungwie ein Heiliger der protestantischen Kirche gewirkt hat. — Als Mann der Wissenschaftwußte vor allen Schleiermacher (gest. l834), Professor und Prediger in Berlin, durchgeistvolle Schriften und eindringliche Predigten neue Begeisterung für die christliche Re-ligion und die kirchliche Gemeinschaft zu erwecken und namentlich unter den Gebildetenmanchen .Verächter" des Christentums für den Glauben an den Erlöser zu gewinnen undzu erwärmen. Zahllose Schüler haben sich dem großen Gelehrten angeschlossen und alsLehrer an Universitäten und Prediger mit Segen gewirkt.
3. Der Einfluss der Befreiungskriege. Nicht wenig trugen auch die B efrei ung s»kriege dazu bei, wieder ein frischeres Lebensgefühl in der Kirche anzuregen. Hatte dieschwere Heimsuchung des Vaterlandes durch die Napoleonische Gewaltherrschaft die Ge-müter tief ergriffen und aus Gott hingewiesen, von dem allein Hilfe kommen konnte inder ungeheuren Not: so sah man, als endlich die Möglichkeit der Rettung sich zeigte, darinGottes Finger. .Mit Gott" zogen die Streiter in den Kampf; in den Kirchen, unterfrommen Gesängen und Gebeten, ließen sie sich einsegnen für den heiligen Krieg, undSänger wie Arndt und Schenkendorf stärkten und belebten durch ihre Lieder neben demNationalgefühl zugleich die Liebe zu dem frommen Glauben der Väter. Mit dem Gedanken:„Das hat der Herr gethan und ist ein Wunder vor unseren Augen!" begrüßte das Volkseine Befreiung von dem fremden Joch.
4. Die evangelische Union 1817. Als bedeutsames kirchliches Ereignis ist nament-lich die Union, d. h. die Vereinigung der lutherischen und reformierten Konfession zueiner evangelischen Kirche hervorzuheben, die bei der Jubelfeier der Refor-mation 1817 vom Könige Friedrich Wilhelm III. von Preußen angeregt und bald in fastallen deutschen Staaten vollzogen wurde. Die beklagenswerte Spaltung der protestan-tischen Christenheit wurde dadurch beseitigt; durch ihre Einigung gewann die evangelischeKirche festeren Halt und erhöhte Kraft.
5. Die Bibelgesellschaften. Die Ausbreitung des evangelischen Glaubens wurdevornehmlich betrieben und gefördert durch eine Anzahlfreier Vereinigungen, welchenach und nach in der Kirche entstanden sind und eine reichgesegnete Wirksamkeit entfaltethaben. Im Jahre 1804 wurde in London . die britische und au ständische Bibel-
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