Zweiter Abschnitt.
Mittlere Geschichte.
25. Der alten Deutschen Leben, Religion und Sitten.
1. Das Land und seine Bewohner. 2. Wohnungen der alten Deutschen; ihre Lebens-weise, Vorzüge und Mangel. 3. Einteilung des Volkes (Freie und Unfreie); Regierung.
4. Kriegsdienst und Bewaffnung. 5. Gottesdienst und Götter. Feste. Walhalla;
Begräbnis der Helden.
1. Unser Vaterland war in den Zeiten, da die Römer dasselbe kennenlernten, noch ein rauhes, unwirtbares Land. Ungeheure Wälder (der große Beschaffen-h crzynische Wald) bedeckten es von einem Ende zum anderen. Von ergiebigenQuellen gespeist, schweiften die Flüsse über ihre Ufer hinaus und bildeten Sümpfeund Moräste. Menschenhände hatten noch wenig gethan, die Fluren fruchtbarzu machen. Man fand nur Hafer, Gerste, Waldbeeren, wildes Obst, Retticheund wilden Spargel. Grasrcich und schön aber waren die Weiden, und daherdie Rinder und Pferde, wenn auch klein und unansehnlich, doch stark undausdauernd. Das edelste aller Gewürze, das Salz, quoll unsern Vorfahrenaus dem heimatlichen Boden empor. Auch das nützliche Eisen versagte er ihnennicht, und sie wußten es zu gewinnen und zu verarbeiten. Ihr Hauptreichtumaber bestand in wilden Tieren. Die Wälder bargen in ihrem Dickicht dengewaltigen Ur, das riesige Elen, den heulenden Wolf und den grimmigen Bär.
Hoch auf zerklüfteten Felsen und uralten Bäumen nisteten Adler und ihreschwächeren Raubgcnossen, während auf den Seen und Sümpfen Wasservögclin Scharen sich sammelten.
Das deutsche Volk war ein uraltes reines Stammvolk; unter den Tausenden, Bewohner,welche zu ihm gehörten, nur eine feste, gleiche Gestalt. Kühn blitzte dasblaue Auge unter den buschigen Brauen hervor; goldgelb war das Haar undweiß die Haut. Gegen zwei Meter messend von der Ferse bis znm Scheitel,breit in Brust und Schultern, bezeugten ihre Riesenlciber die Kraft, welchedie Natur in sie gelegt hatte. Selbst die kriegserfahrenen Römer mußtensich erst (S. 47) an den Anblick dieser wilden Feinde gewöhnen, bevor sie eswagten, mit ihnen zu streiten. Von Jugend auf härteten die Deutschen ihrenKörper auf alle Weise ab. Halb nackt liefen die Kinder umher und scheutenfrühzeitig weder Nässe, noch Kälte. Das Gewand der Erwachsenen bestandaus Pelzwerk oder einem wollenen und leinenen Gewebe, das mit buntenStreifen geziert war. Stets war ein großer Teil des Leibes unbedeckt, undauch der Winter brachte sie nicht dahin, sich wärmer zu kleiden.
Die Römer nannten unsere Vorfahren Germanen, doch rechneten siehierzu nicht bloß die Bewohner des jetzigen Deutschlands, sondern auch dieVölker in dem heutigen Belgien, Holland, Dänemark, Norwegen, Schweden,
Finnland, Livland und Kurland, weil sie alle in Gestalt, Sitten und Spracheeinen gemeinsamen Ursprung ankündigten.
SpieH u. Berlet, Weltgeschichte II. 8. Auflage.
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