Besreiungskamps der Griechen 1821—1829. 213
Tripolizzas, der Hauptstadt Moreas, die dortige ganze Besatzung (8000 Tripolizza.Mann), und noch schlimmer verfuhren die Türken (1822) bei Einnahme derInsel Chios'. Sie säbelten fast die ganze männliche Bevölkerung (20 000) Lhios.nieder und schleppten Frauen und Kinder (wohl 45 000) in die Sklaverei.
Aber kaum drang die Kunde hiervon nach dem Festland, als der Sceheld Kanaris.Kanaris schwur, diese Blutschuld zu rächen. Mit zwei Booten segelte erin der Nacht auf den 19. Juni 1822 an die türkische Flotte, welche noch beiChios lag, und sprengte durch angehängte Brander das Admiralschiff in die Luft.
2. Die Tapferkeit, mit welcher die Griechen ihre Sache verfochten,erweckte Teilnahme unter den europäischen Völkern. An vielen Orten bil- Philhel-dctcn sich Hellenenvereine, um mit Geld, Waffen und Mannschaften die ^nen.mutigen Kämpfer zu unterstützen. In Deutschland erschollen Wilhelm Müllers 2klangvolle Griechenlieder; der englische Dichter Lord Byron widmete seinTalent, sein Vermögen und sein Leben (f 1824) der Sache Griechenlands;
der würtembergische General Normann eilte mit einer Schar von Philhel-lenen (Griechcufreunden) nach dem alten klassischen Boden, und der reiche GenferBankier Ehnard förderte den Freiheitskampf durch große Geldsummen. Sohandelten die Völker, um der Kultur und dem Christentum über Barbareiden Sieg zu verschaffen. Von einem anderen Gesichtspunkte betrachteten dieKabinette den Kampf. Durch Metternich (S. 211) beeinflußt, sahen sie in demAufstand nur einen Akt der Revolution und lehnten jede Hilfe ab. — Nichts- ^ .destowenigcr setzten die Griechen den Freihcitskampf fort und blieben bis "°^es"^1825 fast allenthalben im Vorteil. Da aber trat für sie eine ungünstige Kampfes.Wendung ein.
Der Sultan hatte seinen Vasallen, den Vizekönig Mehcmed Ali von HilfeÄgypten, dringend um Hilfe gebeten. Dieser sandte seinen Sohn Ibrahim Ägyptens,mit der Flotte und 20 000 Landungstruppen nach dem Peloponnes. Baldfiel eine Stadt, eine Festung nach der andern in Ibrahims Hände; dasLand wurde verwüstet, die Bevölkerung hingemordet. — Gegen Ende desJahres 1825 stand Ibrahim vor der Festung Missolunghiwelche seit Mssolnnghi
längerer Zeit von einem Türkcnheere vergeblich belagert wurde. Mit be- >826.'
wunderungöwürdiger Tapferkeit verteidigten sich die Griechen. Aber immerstärker wurde der Andrang; den Belagerten fehlte eS an Lebensmitteln, und
sie sahen den Augenblick kommen, wo sie sich dem Feinde würden ergeben
müssen. Da brachen die Verteidiger (am 22. April 1826 abends) plötzlich
hervor, Weiber und Kinder in der Mitte, und bahnten sich, wenn auch mitgroßen Verlusten, einen Weg nach den Bergen. Die Zurückgebliebenen(Greise und Kranke) warteten den Einzug der Feinde ab, dann sprengtensie sich mit diesen, indem sie das Pulvermagazin anzündeten, in die Luft.
Der Fall Miffolunghis konnte die Griechen nicht entmutigen, zumal sichihnen zu gleicher Zeit Aussichten auf fremde Hilfe eröffneten.
3. Im Dezember 1825 war Kaiser Alexander (S. 198 Anm. 1.) Nikolaus i.gestorben und ihm sein Bruder Nikolaus auf dem russischen Throne ge- 1825—55.
r Lhios, setzt Skios, Insel im ägeischen Meere an der Küste Kleinasiens,westlich von Smyrna. — Missoluiighi, befestigte Stadt im südwestliche» Hellas.
2 Wilhelm Müller, geb. 1794 zu Dessau, war Lehrer an der dortigen Ge-lehrtenschule und starb 1827. (Sein Sohn ist der berühmte Sprachforscher undOrientalist Max Müller, seit 1854 Professor an der Universität Oxford).