Band 
Dritter Kursus.
Seite
116
JPEG-Download
 

116

Mittlere Geschichte.

der Große abgeschafft hatte, wieder einführen. Die Herzöge galten zwarnur als Stellvertreter des Königs, doch wußten sie, da sie zugleich großeGrundbesitzer waren, nach und nach immer mehr Macht an sich zu reißen,ihre Würde erblich und sich zuletzt fast ganz unabhängig zu machen. Wiedie Herzöge, so verfuhren auch die Grasen, Markgrafen und kleineren Herren,ingleichcn die Erzbischöfe, Bischöfe und Aebte. Auf diese Weise ist schondamals der Grund zu der späteren Weltherrschaft in Deutschland gelegtworden. Aus Vasallen sind mit der Zeit selbständige Herren, aus könig-lichen Statthaltern Fürsten unseres Volks geworden.

Ebenso artete in dieser Zeit die Liebe zur Freiheit und Unabhängig-keit hie und da in Zügellosigkeit aus. Wenn ein Starker sich bedrängtfühlte, so suchte er Genugthuung nicht vor dem bestellten Richter, sondernin blutiger Fehde. Man hat die Zeit, da solche Selbsthilfe allgemein war,Faustrecht, die Zeit des Fan st rechts genannt. Sie beginnt unter den späterenKarolingern, steigt aber erst länger nachher auf die höchste Stufe. DasUebel mußte wohl groß werden, weil die Sitten der Nation noch immerroh waren. Waffenübungen und Jagd blieben noch lange die Lieb-lingsbeschäftigungen unserer Vorfahren; Degen und Stoß Vogel nochlange deren größte Kleinodien.

In jener Periode wurden ebenfalls fast alle Anfänge der Bildung,die Karl der Große durch seine Bemühungen gepflanzt hatte, wieder ver-nichtet. Keine Zeit in der deutschen Geschichte ist finsterer, abergläubischer,unwissender, als die nach Ludwig dem Deutschen unter den Karolingernund noch eine geraume Zeit darüber hinaus. Selbst für die Muttersprachegeschah nur wenig. Doch machen ein Sachse und der Mönch Otfried^Heliand u. in Weißenburg 2 eine rühmliche Ausnahme. Jener schrieb (840) im „He-Krist. liand" (Heiland) eine poetische Darstellung der evangelischen Geschichte;dieser besang (870) in seinem „K rist" denselben heiligen Gegenstand undlieferte damit das erste größere deutsche Gedicht in Reimen.

Zudem zeigte sich in jenem Jahrhundert eine bedeutende Abnahmeder freien Leute. Wie unter Karl dem Großen treten viele mit LeibAbnahme d. ^d Gut in den Dienst (Mundschaft) der Kirche oder eines Vornehmen,freien Leute. Heil sie als Unter- oder Aftervasallen ihrem Lehnsherrn nicht soviel Dienste zu leisten brauchten, als dem Könige im Heerbann. Anderewußten gegen die Unordnungen und Plagen des Faustrechts keinen andernSchutz, als sich in die Hörigkeit eines Mächtigen zu begeben. Noch Anderewurden, da man damals nicht daran dachte,' Vorräthe zu sammeln, durchHungersnoth gezwungen, ihre Freiheit an Reichere um Brod zu verkaufen.Wesentlich trugen auch die Einfälle und Verwüstungen der Normänner,Slaven und Ungarn zur Verminderung der Freien bei, und einige Wenigeschenkten aus Frömmigkeit sich und ihr Besitzthum dem Altar Gottes.

Durch das Alles geschah es, daß am Ende dieses Zeitraumes der

1 Otfried war ein Schüler des gelehrten Rhabanus Manrus (Abtes zuFulda, dann Erzbischoss zu Mainz) und starb 856. — Die altdeutsche Sprachejener Zeit erscheint im Hochdeutschen (Krist) wie im Niederdeutschen (Heliand) voll-tönender und reicher an Formen, als unsere nendeutsche Sprache. Am durchge-bildetsten war die Westalemannische Mundart, weil sie die Karolingische Hof-sprache und also die allgemeine Sprache der vornehmen Kreise geworden war.

2 Weißenbnrg, Stadt im Elsaß, nördlich von Straßburg.