112 Erstes Buch: Die französische Revolution und die Neugestaltung Europas. Z 60-
Frankreichim Innern
Ein-
verleibung
Hollands
M.Miirzi8ii geboren, der in der Wiege schon den Namen eines Königs von Romerhielt. Damit schien sein Glück vollendet und Frankreichs Zukunft fürimmer an das Haus Bon aparte gekettet zu sein.
Im Innern kannte seine Herrschaft keine Grenzen mehr; die von Savary(Herzog v. Rovigo) geleitete Staatspolizei unterdrückte den letzten Rest von Frei-heit und bedrohte, wie einst die Siegelbriefe (ß 2), jeden Verdächtigen mit willkür-licher Haft in den Staatsgefüngnissen; die Preßsreiheit war durch eine rücksichts-lose Zensur auf das äußerste beschränkt. Die verfassungsmäßige Unabsetzbarkeit-der Richter war schon im Jahre 1807 beseitigt worden. Der Geist der strengen mili-tärischen Disziplin drang auch in die Schulen ein, in ein Gebiet, auf dem nur dieFreiheit Gedeihen bringen kann. Das ganze niedere und höhere Schulwesen wurdeunter der stolzen Bezeichnung „Ilnivsrsitö äs lR-anes" zusammengefaßt. Alle Schulenwurden verstaatlicht und der Stoff des Unterrichts streng vorgeschrieben. HöhererUnterricht wurde in den Lyzeen und Kollegien erteilt. Wohl erkannteNapoleon die hohe Bedeutung der höheren Schulen im Staatsleben, aber ersetzte sie nur als Machtfaktor in seine Rechnung ein und war darauf bedacht, durchmilitärische Zucht und Ordnung sie seinen Herrscherzwecken dienstbar zu machen.Bezüglich des Lehrstoffes forderte er vor allem Pflege der Mathematik und des-Lateinischen. Auch die im Jahre 1806 gegründete kaiserliche Universität konnteunter solchen Verhältnissen nichts von dem freiheitlichen Geiste der deutschenHochschulen erhalten. Dagegen bewies Napoleon sein reiches organisatorischesTalent in der Umgestaltung der finanziellen Verhältnisse und in den Ver-besserungen des Steuerwesens, wobei ihn seit 1806 der Finanzminister Mollientrefflich unterstützte.
Nach außen schaltete der Kaiser mit vollster Willkür. Die wirtschaft-lichen Maßregeln gegen England drohten das Königreich Holland, dessenWohlstand unter der Fremdherrschaft schon so sehr gelitten hatte, vollendszugrunde zu richten. König Ludwig, dem die Leiden seines Volks zu Herzengingen, machte seinem Bruder Vorstellungen und suchte ihn zu einer Milderungder Handelssperre zu vermögen, erhielt aber von demselben die merkwürdigeAntwort, daß er zuerst das Interesse des Kaisers, dann den Vorteil Frank-reichs im Auge haben müsse, und daß die Pflichten gegen sein Volk erstnach diesen kämen. Als dessenungeachtet Ludwig die Umgehung der Handels-sperre mit Nachsicht strafte, ließ Napoleon durch eine bewaffnete Seemachtdie holländischen Küsten bewachen und verband Seeland, Nordbrabant unddas Südufer der Waal mit dem französischen Kaiserreich. Diese Miß-handlung empörte den wohlmeinenden Ludwig. Unwillig entsagte er zu-gunsten seines Sohnes einem Throne, den er nicht länger mit Ehren ein-nehmen konnte, gab aber dadurch nur dem Kaiser Gelegenheit, ohne Rück-g. Zu« i8ioficht auf seines Bruders Verfügungen das Königreich Holland mitFrankreich zu vereinigen.
Dies hatte auch den Verlust der noch übrigen Pflanzungen der Holländer in Ost- undWestindien zur Folge. Der König von Holland lebte fortan als Graf von St. Leu teilsin Österreich, teils in Italien (t 1846). — Holland, von dem man geltend machte, daßes nur aus Anschwemmungen französischer Flüsse, des Rheins, der Maas und der Scheide,entstanden sei und somit zu Frankreich gehöre, wurde nebst dem seit 1807 damit verbundenenFürstentum Ostfriesland und der Herrschaft Jeder (Z 48) in sieben Departements geteilt-
Nach der Einverleibung von Holland verband Napoleon, um dieKontinentalsperre wirksamer zu machen, die Hansestädte Hamburg,13.Dez. 1810 Bremen, Lübeck, das dem Rheinbünde zugehörige Herzogtum Olden-burg und einen Teil des kurz vorher an das Königreich Westfalen ab-getretenen Hannover mit Frankreich. Hamburg wurde zur Haupt-stadt des neuen Regierungsbezirks (Gouvernement) erhoben und der harte,
Weitere Ein-verleibungen