Band 
Vierter Band.
Seite
166
JPEG-Download
 

166 Zweites Buch: Literatur und Kunst Europas im Zeichen der Romantik. H 81.

Ad. MüllerI17S-18W

L. von Haller1768-1854

Bonald

1753- 1840de Maistre

1754- 1821

Lichtseitender Roman-tik

das Recht, über die Geschöpfe der eigenen Phantasie zu spötteln und sich lustig zu machen,und meinte geistreich zu sein und geistesfrei, wenn er die eigenen Gebilde und Ideen höhnischzersetzte. Das war die letzte Folgerung aus dem künstlerischen Subjektivismus: dieromantische Ironie, „die Offenbarung der Freiheit" nannte man es. Schön und ver-heißungsvoll hatte die Ankündigung der Romantiker geklungen, alle Lebensverhältnissedichterisch erhöhen, mit dem Dufte der Poesie durchhauchen zu wollen. Schließlich gelangtensie dahin, Pflicht, Sittlichkeit und alle Grundlagen des Daseins durch den ästhetischenGenuß zu ersetzen. So erlosch daS Dreigestirn, das ihnen die Nacht des Mittelalters erhellte,das auch über den Anfängen der Romantik freundlich strahlte: Dichtkunst, Vaterland,Glaube. Köstliche, ja bestrickende Erzeugnisse der Schule vermochten lange die Gefahrender romantischen Idee zu verschleiern. Als dann aber der und jener dem Protestantismusabtrünnig wurde, andere in Wunder- und Aberglauben verfielen, da waren die Folgen derentfesselten Subjektivität mit Händen zu greifen. Aber auch der Vaterlandsgedanke wurdegefälscht, bis er zum Zerrbild ward im Dienste rückschrittlicher Staatskunst. Wirr wie inTräumen sprach die phantastische Nacht zu der in politischem und wirtschaftlichem Jammerbefangenen Zeit. Trunken redete die Ferne einem von allen Seiten gcängstigten Volke vonder Wiederkehr einer großen, herrlichen Vergangenheit. Die mondbeglänzte Zaubernachtund die wundervolle Märchenpracht fanden die Volksseele nur zu willig, sich einwiegen, ein-schläfern und aus trüber Gegenwart in ein Reich kunstverklärter Schönheit retten zu lassen-So wurden in Deutschland die Augen von der Wirklichkeit und den nationalen Fragen ab-gelenkt. Aus der neuen Ästhetik aber, die ihren Schöpfungen einen freilich kaum demGemüte entnommenen religiösen Anstrich zu geben liebte und die Dichtung heillos mitGlauben und Mystik verquickte, zog der Rückschritt seinen Vorteil (Z 99). Der von seinerKirche abgefallene Adam Müller predigte in seiner Schrift Von der Notwendigkeiteiner theologischen Unterlage der gesamten Staatswissenschaft (1813) dieRückkehr zum Katholizismus, ständische Gliederung wie im Mittelalter und den Kampf gegenalle Ideen des 18ten Jahrhunderts- Der ebenfalls übergetretene Karl Ludwig von Hallerbefehdete in seiner berüchtigten Restauration der Staatswissenschaft allen Fort-schritt. In Frankreich fand die christlich-katholische Bewegung wohlgewappnete Vertreter inLouis de Bonald (Z 90) und Joseph deMaistre, während Chateaubriand (H 80) die Religionin ästhetische Schwärmerei verflüchtigte. Selbst aus Walter Scotts (H 80) rückwärts-gewandter Dichtung vermochte das zeitgenössische England schwerlich Antriebe zu tatkräftigemFortschritte zu gewinnen, so maßvoll übrigens und so national die britische Romantik auftrat-

Immerhin hat die Romantik gerade um Nationalgefühl und Vaterlands-liebe auch unleugbare Verdienste (ß 99).

Sie hat, als Österreich die Kaiserkrone von sich warf, treulich gesungen und gesagtvon des deutschen Reiches Herrlichkeit und die Erinnerung daran im deutschen Volke fest-gehalten. Und der „Kaiserherold" Max von Schenkendorf war mehr Romantiker alsFreiheitsänger. In ihrem liebevollen Interesse für deutsche Volkslieder ging die Romantikwiederum auf Herders Spuren. Aber auch die Ergebnisse der deutschen Altertumswissenschaft,die damals zuerst helleres Licht über die Vorzeit unseres Volkes verbreitete (H 302), nahm sie mitwarmem Anteile auf. Und noch in der Zeit des Verfalles erklang aus dem Lager desNordheeres vor dem Entscheidungskampfe August Wilhelm von Schlegels weihevoller Auf-ruf an unser Volk, während in Österreich sein Bruder, wie aus bösem Traum erwacht, fürdie deutsche Sache mit Wort und Feder eintrat. Ferner haben die Romantiker den Sinnfür die schönen Künste und für das Naturleben in seinen mächtigen Wirkungen auf Gemütund Seelenstimmung weithin verbreitet und die Literatur in engere Beziehung zum Lebengesetzt. Neben der Kritik begründeten sie eine kunst- und geschmackvollere Behandlung derLiteraturgeschichte, verliehen der Sprache Geschmeidigkeit und Schmelz, der Darstellung An-mut und brachten in unser Schrifttum die außerordentliche Mannigfaltigkeit von Kunst-formen, die vordem ein Sonderbesitz des Morgenlandes und des romanischen Südensgewesen waren.

Nie wieder vor- noch nachher hat eine Dichtung die innigen und trautenoder kraftvollen und hehren Töne, die in der deutschen Volkseele den freudigste"Widerhall finden, mit solcher Wirkung angeschlagen wie die Romantik; niewieder war über die Poesie ein so sonniger Glanz ausgebreitet wie in der Blüte-zeit der Romantik. Nie wieder aber auch hat schrullenhafter Künstlereigensinnsich selbst, seine Schöpfungen und die heiligsten Begriffe mit gleicher Leicht-fertigkeit zersetzt wie die Romantik.