8 396. Drittes Kapitel: Die Moderne (Literatur Deutschlands, Kunst Europas). 799
seiner dichterischen Eigenart, namentlich die Adjutantenritte gehalten, macht Poggfred,°in kunterbuntes Epos von 12 Kantussen, den Eindruck der Manier und, trotz derFülle an Gedanken, der Formlosigkeit, da jeglicher Zusammenhang mangelt. Für das Drama«gnete sich Liliencrons ausgesprochen lyrische Anlage nicht; gerade ihr verdanken aber seineErzählungen, wie der Roman Breide Hummelsbüttel, und kleinere Geschichten, z. B.Eine Sommerschlacht, Unter flatternden Fahnen usw., den Zauber echt-dichterischer Stimmung. — Von diesen beiden also abgesehen sind an erster Stelle die „Vaterdes konsequenten Realismus", Arno Holz und Johannes Schlaf, zu nennen. Was sichuus ihrer Theorie insbesondere für das Bühnenstück ergibt, liegt auf der Hand. Über eineFolge von Einzelbildern kamen denn auch Holz und Schlaf in ihrem Musterdrama FamilieSelicke nicht hinaus, und mit den meisten ihrer Anhänger hat auch ihr getreuester SchülerHauptmann gelegentlich die allzu beengenden Fesseln abgestreift. Das Gepräge des Erstlings-drainas tragen auch die weiteren gemeinsamen Erzeugnisse des Dichterpaares sowie dieältere Novellensammlung PapaHamlet. Mit Jerschke verfaßte Holz das erfolgreiche DramaTraumulus. Als Lyriker gab er sich auffällig ungebärdig, ja einfach maßlos. Doch fand er^greifende Treue des Mitleides mit den „Enterbten", und die Lauterkeit seiner Empörung, getragenäom Wohllaute der Sprache, wirkt versöhnlich. Leider entäußerte sich Holz später dieses Vor-iges, indem er Rhythmus und Reim einer eigensinnigen Theorie opferte, die als „Telegramm-üil" (wegen der abgerissenen Sähe und Kurzzeilen) ihm selbst wie zahlreichen Nachtretern unheil-voll wurde. — Allein schrieb Schlaf das Schauspiel MeisterOelze noch nach den Regeln desreinen Naturalismus, doch zeigen seine späteren Erzählungen und Bühnendichtungen Ansätze zueiner freieren und verinnerlichten Kunst. — Neben ihnen bilden den naturalistischen Heerbannäer ehemalige Arbeiter Max Krctzer, dessen von keiner Rücksicht beengte Wirklichkeitstreuedurch die gelegentliche Formlosigkeit und die Sprachfehler seiner Romane nur unerquicklichersvird, aber in den Romanen Meister Timpe und Das Gesicht Christi doch überichablonenmäßige Darstellung hinausging, dann wenigstens seinen Anfängen nach KarlHenckell, wiewohl die aufrührerischen Töne seiner Amselrufe und Trutz Nachtigallwst verklungen sind vor seiner späteren, an klassische Muster erinnernden Lyrik, ferner derNervös-bewegliche Schilderer der großstädtischen Fäulnis Heinz Tovote, dann der zuEireenock geborene Schotte John Henry Mackay, der Verfasser des Romans DieAnarchisten, der aus seinen äußerst vorgeschrittenen Ansichten weder im Leben noch aufdem Gebiete der Kunst mit dem Drama Anne Hermsdorf und mit der Gedichtsammlungpuruts, Isro ein Hehl macht, der Freigeist und Sozialdemokrat Bruno Wille,jemals Theolog, dann Mitbegründer der Freien Volksbühne in Berlin und tiefsinnigerDichter von Einsiedler und Genosse und Einsiedelkunst aus der Kiefern-heide. — Als Stilist war Otto Erich Hartleben ein Reiter in allen Sätteln gerecht. SeineErzählergabe hatte er zu hoher Fertigkeit ausgebildet, so daß er eigentlich Unsagbares mit^uzösisterender Leichtigkeit auSzusprechen vermochte. Doch hat weder seine Prosa, wie die^schichte vom abgerissenen Knopf, Vom gastfreien Pastor usw., noch seineDramatik reine Wirkungen. Eine zur Schau getragene Ironie, deren sittlicher Ernst durch^dole Beigaben nicht eben erhärtet wird, durchzieht Hartlebens ganze Dichtung. Ja,Druschen und Zustände müssen sich wohl, wie in Hanna Jagert, in der Erziehung^r Ehe, in dem Lustspiel Ein wahrhaft guter Mensch eine berechnet zugestutzte Dar-üellung gefallen lassen, um Hartlebens kaltem Spotte eine schwache Seite zu bieten,wesentlich höher steht Ein Ehrenwort mit seinem wohlerwiesenen und befreienden Er-gebnisse und, wenn der Erfolg einige Beweiskraft hat, das mit dem Grillparzerpreise gekrönte^rauerspiel aus dem Offiziersleben Rosenmontag. Daß aber die erwähnten Eigen-schaften Hartlebens seine dichterische Sonderart nicht erschöpfen, darauf lassen sein Goethe-revier, eine Frucht bewundernder Verehrung für den Meister, und die Auswahl von^pruchversen des Angelus Silesius (Bd. III) schließen. — Lodernde Sinnlichkeit erhebt RichardT^ehmels Gedichtbücher, wie Erlösungen, Weib und Welt, vor allem Aber die Liebe,??ch beträchtlich über den Durchschnitt gleichgerichteter Erzeugnisse der Moderne. IhreMaßlosigkeit bleibt freilich abstoßend, auch wenn Dehmel ihr in erklügelter Theorie ein ästhe-"lches Mäntelchen umhängen will, auch wenn sie grübelnder Berechnung entstammt und nichtunmittelbarer Ausdruck individueller Anlage betrachtet werden darf. Daß der DichterIkdoch auch diese besitzt, beweisen einzelne schwungvolle, tiefempfundene Lieder; aber ihrer über-legenden Mehrheit nach zeugen seine Gedichte, ebenso wie die unerquicklichen Künsteleien in der'Mhandlung des Verses und in einer unverständlich-symbolistischen Lautmalerei, für die Über-in^? verschrobenen Reflexion. — Neben dem Polen Stanislaus Przybyszewski,... dessen Hand unsere Sprache zum willigen Werkzeuge bei der Wiedergabe feinster Ab-lungen und Schattierungen, freilich auch gezwungenster Einfälle wird, z. B. in der To ten-
Solz
geb. 18KSchlafgsb. 1882
Krstzergsb. 1854
Henckellgeb. 1884
Tovotegeb. 1881Mackavgeb. 1884
Willegeb. 1810
Kartlebsn
1884—1905
Dehmelgsb. 1883
Przybys-zeivskigeb. 1868