Erstes Kapitel: Land und Bolk der Griechen.
137
8 61.
(Phöbus), der zuweilen mit dem Sonnengott Helios als ein und dasselbe Lichtwesen er-scheint. Als solcher haßt er alles Unreine, und darum straft und verfolgt er Frevel undVerbrechen, nimmt aber den Reuigen und Schutzflehenden zu Gnaden an und befreit und sühntden Mordbefleckten von der Blutschuld und der Rache der Erinyen. Mit Pfeil und Bogenbewehrt, als „Fernhintrcffer" tötet er den Drachen Python und kommt dadurch in denBesitz des wichtigen Orakels zu Delphi, muß aber als Verunreinigter vom Olympfliehen und zur Buße bei König Admetos Kncchtsdienste verrichten. In Bezug auf dasMenschenleben ist Apollon der llnheilabwehrer, der Beschützer der Straßen und Hauspforten;als Päan ist er der schlagende und heilende Gott, auch Vater des Asklepios (Aescula-pius), des Vorstehers der Arzneikunde. Als Gott der Künste, namentlich der Musik undDichtkunst, ist er Borsteher der neun Musen (Musagetes): der Klio (Geschichte),Kalliöpe (Epos), Melpomdne (Tragödie), Thalia (Lustspiel), Eräto, Euterpe,Terpfichöre, Polyhymnia (Gesang, Musik, Tanz), Urania (Sternkunde), die auf denBergen Helikon und Parnassos, in der Gegend von Delphi, ihre Wohnsitze haben. DerMythos, daß Apollon seinen Liebling, den schönen Blumenknabcn Hhakinthos, aus Ver-sehen mit dem Diskos (der Sonnenscheibe) getötet habe, gab in der Peloponnes zu dem Trauer-fest der Hyakinthien die Veranlassung; dagegen ward er in den Karnccn als lanzen-bewehrter Kriegsgott gefeiert. — Die Schwester des unvermählten Apollon ist die jungfräuliche s. ArtemisArtömis (bei den Römern Diana), die Göttin des Mondes und, wie der Bruder,musische und orakelgebende Gottheit. Sie ist Beschützerin des Wildes und Göttin der Jagdund als solche mit dem Bogen bewaffnet. Bei den Tanriern hatte sie einen alten, mitbarbarischen Menschenopfern verbundenen Kult, in den das Haus der Atriden (Jphi-genia und Orestes) innig verflochten war (Z 64). Schon frühzeitig wurde mit ihremBilde das der orientalischen Göttin Astharoth (Äschers, § 24) vermengt. Die gleiche Doppel-gestalt dieser Göttin zeigt sich in ihren Dienerinnen, den jungfräulichen, männerbekämpfendenAmazonen und den den Lüsten dienenden weiblichen Hierodulen in Kleinasien. Als sichNiöbe in mütterlichem Stolze über Latona stellte, wurden ihre sämtlichen Kinder, die Knabenvon Apollon, die Mädchen von Artemis, getötet, sie selbst in einen thränenden Stein ver-wandelt. Noch jetzt will man in einem Felsen am Gipfel des Sipylos das versteinerte Bildder weinenden Niobe erkennen. — Poseidon (bei den Römern Neptunus), eine uralte?. PoseidonGottheit, die zuerst zu Onchestos in Böotien und auf dem Jsthmos verehrt und von danach den benachbarten Landschaften, besonders nach Attika und den Küstenländern derPeloponnes verpflanzt ward. In Athen stritt er sich mit Pallas-Athene um die Herrschaftund gab dem Lande, wie jene den Ölbaum, das ihm fortan geheiligte Pferd. Er ist dermit dem Dreizack ausgerüstete Gebieter des Meeres und heißt als solcher der Erder-fchütterer; die Meernymphe Amphitrite ist seine Gattin; zugleich ist er auch Schöpferdes Pferdes und Rossebändiger und Vater des mit der Medusa erzeugten geflügelten Dichter-rosses Pegäsos,dasmit seinem Hufe Quellen aus dem Felsen schlägt. — Ares(Mars) und 8. AresAphrodite (Venus) bedeuten Streit und Liebe. Sie wurden hauptsächlich in Thebeng. Aphroditeverehrt, wo ihre Tochter Harmonia Stadtgöttin und Gemahlin des phönizischen Burg-gründers Kadmos (Z 66) war; Ares ist der wilde Gott des Kriegs und der Schlachten,der in Athen einen ihm geweihten Hügel (Areopag) besaß; Aphrodite ist die Göttin derSchönheit und der sinnlichen Liebe; ihr mit dem unsittlichen asiatischen Astarte-oder Ascheradienst vermischter Kultus war besonders auf Kypros (Cypern), Kythera undKnidos zu Hänse. Die Sage von ihrem Liebling, dem schönen Adonis, der auf derJagd durch den Zahn eines EberS umkam und dann auf das Wehklagen der Aphroditevon Zeus die Gunst erhielt, sein Dasein zwischen ihr und der Schattenfürstin Persephonezu teilen, so daß sich jede von ihnen seiner auf sechs Monate erfreuen sollte, scheint orienta-lischen Ursprungs zu fein und deutet den Kreislauf deS Naturlebens in seinem Wachstumund Vergehen an. Daher beging man in Griechenland und Rom um die Sommersonnen-wende das Adonisfest, wo am ersten Tage von den Frauen der Tod des schönen Jüng-lings beklagt, am zweiten seine Auferstehung mit ausgelassener Freude gefeiert ward. Nachspäteren Dichtersagm ist Aphrodites Sohn und Gefährte der kleine Liebesgott Eros (Amor,
Cupido), als dessen Geliebte die Psyche (Seele) dargestellt wird; zu ihrem Gefolge gehörendie lieblichen Chariten (Grazien) und die Hören, die oben genannten Göttinnen derJahreszeiten. — Außer den genannten werden den oberen Göttern, deren Zahl nach io. Hermesspäteren Mythen zwölf betrug, noch beigezählt: Demeter, Hermes und die Vorsteherin n. Hsstiades häuslichen Herdes Hestia (Vesta), der alle Staatsgebäude heilig sind, und auf deren 12 . DemeterHerds das heilige Feuer nie verlöschen darf.
8 61. Die chthonischen Götter. Hermes und Demeter bilden den Übergang vonder Oberwelt zur Unterwelt: daher werden sie auch zu den chthonischen Göttern, den unter-