Z 114. Drittes Kapitel: Von den Perserkriegen bis zum Tode des Epaminondas. 247
wie im Felde waren sie unzertrennliche Genossen, und wenn jener dem Sokrates^° Schül-rbei Potidäa (§ 103) sein Leben verdankte, so rettete Alkibiades bei Delion das Sokratesdes Lehrers. Aber Sokrates hatte sich auch diele Feinde gemacht; und da mehrereseiner Schüler, besonders Kritias, sich als Gegner der Demokratie gezeigthatten, so wurde während der demokratischen Reaktion und der damit ver-bundenen „Umkehr der Wissenschaft" nach dem Sturz der Dreißig von einigen des
eifrigen Anhängern der Volksherrschaft (Anhtos und Meletos) eine Klage widerihn eingereicht, daß er falsche Götter lehre und die Jugend verführe. Inseiner Verteidigungsrede (Apologie) bewies Sokrates vor den Volksrichtern(Heliasten) die Falschheit der Anklage. Aber statt, wie gewöhnlich geschah,mit Flehen und Wehklagen feine Losfprechung zu erbitten, reizte er die Ver-sammlung durch einen stolzen, verächtlichen Ton und schloß feine Rechtfertigungs-rede mit der Versicherung, daß er verdient habe, an den öffentlichen Mahl-zeiten im Prytaneion (wo die Prytanen sZ 79j, die olympischen Sieger undandere verdiente Männer auf Staatskosten gespeist wurden) teilzunehmen.
Dieser Anspruch auf die höchste Belohnung, die einem athenischen Staatsbürgerzu teil werden konnte, klang im Munde eines Angeklagten wie Hohn undverdroß die demokratischen Richter. Sokrates wurde daher mit einer kleinenStimmenmehrheit zum Tode verurteilt. Wegen einer Wallfahrt nach Deloswurde die Vollziehung des Urteils um dreißig Tage aufgeschoben, während welcherZeit der Gefangene von feinen Anhängern und Schülern besucht werden durfte.Vergebens bemühten sich einige seiner Freunde (besonders Kriton), ihn zurFlucht zu bereden; Sokrates verwarf einen solchen Vorschlag, der seine LehrenLügen strafen und sein ganzes Leben schänden würde, und unter erhebendenGesprächen über die Unsterblichkeit der Seele (wiedergegeben in Platons Phädonsß 116j) trank er den Giftbecher und starb mit der Heiterkeit und Seelenruheeines Weisen. Die Ermahnung an die trauernden Freunde, dem Asklepios einenHahn zu opfern, d. h. die Spende des Dankes für die Genesung, welche er imTode erblickte, darzubringen, waren seine letzten Worte.
Sokrates selbst hat nichts Schriftliches hinterlassen, da ja seine Unterweisung nur darinbestand, mit dem beliebig sich ihm zur Verfügung Stellenden Unterredungen anzuknüpfen,in denen er als unerreichter Meister der Dialektik glänzte. Aber feine beiden Jünger-kenophon und Plato haben von ihm ihre Lehren überkommen- Heute zweifelt niemandmehr daran, daß Plato dem Sokrates die eigenen Gedanken nur in den Mund legt, währendder unphilofophifche Soldat Lenophon uns in einfältiger Treue die Lehren des Manneswiedergiebt, dem er feine ganze geistige Erziehung verdankte.
Des Sokrates' Lehre sah von aller Naturbetrachtung ab, da sich der Natur nichts ^ArscheSicheres abgewinnen ließe, und wendete sich allein der Selbst- und Menfchenprüfung zu. °Der pythifche Spruch „Erkenne dich selbst!" war ihre höchste Forderung. Des „Nichtwissens"sich bewußt, sucht er das Wissen bei anderen. Deren vermeintliches „Wissen" wird geprüftund nachdem durch Ironie dessen Nichtigkeit nachgewiesen ist, streben beide in gemeinsamerdialogischer Forschung nach dem eigentlichen Wissen- Da Sokrates hierbei den jüngerenMitarbeitern als Führer dient, belehrt er sie in fragender Form und holt aus ihnen dieWahrheit heraus (MLeutik). Diese jugendlichen Mitarbeiter, die sich feiner Führung über-lassen , sind ihm Gegenstand seiner Zuneigung (Eros), aber seine Zuneigung gilt nur derSchönheit der Seele. Das Endziel seiner Methode ist ihm die Begriffsbestimmung. DieAussage über einen richtig gefaßten Begriff gilt ihm als Wahrheit. Dabei beschränkt sichSokrates auf die Ethik, und hierbei ist der leitende Grundgedanke, daß man die Tugend Ethikauf daS Wissen zurückzuführen habe. Hieran schließt sich die häufig von ihm ausgesprocheneFolgerung: Jede Tugend kann gelehrt und gelernt werden. Gerecht z. B. ist also, wer ge-lernt hat zu thun, was den göttlichen und menschlichen Gesetzen entspricht. Darum ist ihmauch das Gute zugleich das Nützliche, freilich mit der Einschränkung, daß man dies nur aufdie Sorge für die Seele und ihre Vervollkommnung zu beziehen habe. Er dringt darauf,daß man auf die Ausbildung des Geistes höheren Wert zu legen habe, als auf die Erwerbungäußerer Güter. Die Tugend, die man erwerben kann, ist ihm das edelste Ziel des Menschen-lebens, und damit schlägt dieser große Idealist die Brücke zum praktischen Leben. Tugendist Wissen, und nur das Wissen befähigt z. B. den Mann zu politischer Thätigkeit. Tugendenthält aber auch klare Erkenntnis der Pflichten: zu den wesentlichsten Pflichten aber rechnet