324
Zweites Buch: Griechische Geschichte.
s 156.
starken Mannes, die hohe Bedeutung, die der in den nationalen Festspielenerrungene Kranz dem Sieger in den Augen des gesamten Griechenlandsverlieh, weckten und belebten den Sinn für das Schöne. Die Kunst drücktedem ganzen Leben ein ideales Gepräge auf; sie machte als Plastik die ver-edelte und verklärte Menschengestalt zum Typus der körperlichen Schönheitund zur Wohnung des göttlichen Geistes; sie enthüllte als Dichtkunst diereiche, in der Tiefe der Seele schlummernde Gefühlswelt; sie stellte die er-schütternden Wechselfälle, die das Schicksal über die hervorragenden Menschenherabsendet, als warnendes Denkmal gegen Frevelsinn und Überhebungauf, sie zeigte dem verirrten Geschlechte das Zerrbild seines eigenen Poli-tischen Treibens im Spiegel des Komos; sie erheiterte als Tonkunstund als anmutvoller Chorreigen die festlichen Zeiten. Nur was in denBereich der Kunst gerückt werden konnte, war eines hellenischen Vollbürgerswürdig; das Gemeine und Handwerksmäßige, alles, was nur für desLebens Notdurft berechnet war oder dem Erwerbe diente, wurde den Halb-freien und Sklaven zugewiesen; das Künstlerische war somit das charakte-ristische Kennzeichen das Hellenentum. Ebenso suchte auch der griechischeGeist das geheimnisvolle Naturleben zu durchdrungen und die wechselndenGestalten der Erscheinungswelt im Gedanken als Einheit zu begreifen,nicht sowohl indem er das Einzelne zu erforschen und von dem Erfahrungs-mäßigen zu allgemeinen Grundlehren aufzusteigen suchte, sondern indemer an dem Vorhandenen, Unvollkommenen und Vergänglichen das Ge-meinsame, die ewige Idee, zu ergründen trachtete.
.. Das umgekehrte Verfahren, das Aristoteles einschlug, bildete bereits denbiirg-rtums Übergang Zu der dritten Periode, worin man die auch der voll-kommenen Freiheit notwendige Begrenzung niederriß, die Autonomie derGemeinde entweder unter den Begriff des Großstaates beugte, in dem jenenicht mehr zu ihrem Rechte kam, oder den Begriff der Gemeinschaft durcheinen auflösenden Individualismus verdrängte. In dieser dritten Periodeüberschritt das Hellenentum die heimische und nationale Begrenzung undtrug die geistige Errungenschaft in die alten Stätten der morgenländischenKultur, von woher ihm einst selbst die ersten Strahlen höherer Erkenntnisgekommen waren. Aber diese Ausbreitung des griechischen Geistes inden fernen Osten hatte auch eine Entartung des hellenischen Wesens,eine Vermischung mit fremdartigen Bestandteilen zur Folge. Seine Er-weiterung zu einem allgemeinen geistigen Bande zwischen den verschiedenenNationen, seine Verwendung als Bildungsmittel für die entgegengesetztenElemente nahm ihm den besten Teil seiner Lebenskraft und brachte ihn,als er sich der Weltherrschaft am sichersten wähnte, unverhofft um denVorrang. Die Kunst diente zur Befriedigung des sinnlichen Bedürfnissesund suchte, statt den göttlichen Funken in der Seele des natürlichenMenschen zu wecken und zu stärken, Gunst und Beifall durch schöne Formenzu gewinnen; die Poesie trat hinter der Wissenschaft zurück; die Wissen-schaft trat in das Verhältnis der Dienstbarkeit zur realen Welt und dempraktischen Dasein, das sie zu bereichern und mannichfaltiger zu gestaltensuchte; die Philosophie stieg von der spekulativen Warte nieder und stellteallgemeine Lebensnormen auf, nicht um die Welt und die Geheimnisse derSchöpfung zu begreifen, sondern um die Bestimmung und die höchstenGüter der Menschheit zu ergründen und die Wechselsälle des Erdenlebensmit Gleichmut ertragen zu lehren.