8 158.
Erstes Kapitel: Land und Völker Italiens-
327
südöstlichen Höhenzug, der über Apulien und das alte Kalabrien hingelagert imZapygischen Borgebirge sein Ende erreicht, und in einer steileren südlichen, derdurch das Land der Bruttier oder Brettier (das heutige Kalabrien) ziehend undin seinem unteren Laus hart an die Meeresküste herantretend, scheinbar durchdie große „Spalte" bei Rhegium unterbrochen wird, in Wahrheit auf derschönen Gebirgsinsel Sicilien (die sich mit ihrem fruchtbaren, reich entwickeltenKüstenland in ähnlicher Weife an Italien anschließt wie die Peloponnes anGriechenland) seine Fortsetzung findet. Da der breite Hauptrücken des Apenninder östlichen Küste näher liegt als der westlichen, so sind die in dasadriatische und ionische Meer mündenden Flüsse meistens kleiner und vonkürzerem Laufe, als die nach Westen in die tyrrhenische See sich ergießenden,unter denen der Tiber den ersten Rang einnimmt. Die wenigen Ebenen desLandes sind teils fruchtbare Landstriche, wie die campanische und das gut-bewässerte Vorland zwischen den beiden Halbinseln, in die der Apennin aus-läuft; teils Moräste oder mit Gras bedeckte feuchte Niederungen, wie die pompti-nischen Sümpfe südwärts der Seestadt Antium und die sogenannten MaremmenToskanas; teils wasserarme, mehr oder minder steppenartige Flächen, wie dieapulische und die römische Campagna, die jedoch diesen Charakter erst in ge-schichtlichen Zeiten annahm.
Die ganze geographische Lagerung Italiens weist daraus hin, daß der^ssMündWesten und Süden der Halbinsel die bevorzugten und darum für die Westküstehistorische Entwicklung wichtigsten Teile des Landes waren. Nach Westen zudehnen sich die drei großen Ebenen, offnen sich dre Häfen des Landes, undbilden die kleineren Inselgruppen die Übergänge zu den drei größeren Inseln,die gewissermaßen nur Teile und Anhängsel der Halbinsel selbst darstellen.
Darum entfaltete sich die Geschichte des Landes auch an diesen Stellen zuerst;darum drängt die ganze Entwicklung des Landes, so lange es auf sich alleingestellt war, in der Hauptsache in dieser Richtung, ruft die Kämpfe mit denNachbarn um die Oberherrschaft im Westen des Mittelmeerbeckens hervor(Karthago und Spanien) und steht deshalb im Gegensatz zur Entwicklungder griechischen Welt, die sich nach Osten hin gewiesen sah (Z 58). Ausdieser geographischen Vorbedingung heraus erklärt es sich auch, daß sich beideVölker so lange ungestört nebeneinander entwickeln und zur Macht gelangenkonnten, — ihre Machtfphären lagen eben nach entgegengesetzter Richtung —und daß der Zusammenstoß zwischen beiden erst so spät erfolgte und auch nurdarum, weil größere Mächte in Wirksamkeit traten, als Italien und Hellas allein.
8 158. Geographischer Abriß von Italien. I. Oberitalien umfaßt die Ebenenauf den beiden Ufern des Padns (Po) und hat zur Süd grenze das KüstenflüßchenRubtco im Osten und den kleinen Fluß Macra im Westen. Unter den zahlreichenNebenflüssen des Po sind besonders der von den Alpen herabströmende Ticinus und dievon den Apenninen kommende Trebia zu nennen. In den Alpengegenden hausten Volks-stämme von kriegerischem Ungestüm, wie die Noriker, Rätter u. a., die das Flachlandam Po oft durch räuberische Einfälle heimsuchten. Um den venetianischen Meerbusen herumwohnten die Karner, mit der reichen Handelsstadt Aquileja und dem schönen, mitLandhäusern geschmückten Altinum, und die Ven 2 ter mit den blühenden Städten Adria,Patavium (Padua, Geburtsort des Geschichtschreibers Livins), Verona (ursprünglichvon dem Bolksstamme der Euganeer bewohnt, dann von den Cenomanen erobert, zuletzteine reiche römische Kolonie) u. a. m. Die Küste am tyrrhenischen Meere führte den NamenLignrien; Genua war die berühmteste Stadt darin. Die Gallier schieden sich in mehrereVölkerschaften mit verschiedenen Namen. Die berühmtesten darunter auf dem nördlichenPo-Ufer waren die streitbaren JnsÜbrer mit der Stadt Mediolanium (Mailand), dieTauriner, wo nachmals Augustus die Stadt Turin (Augusta Taurinorum) anlegte, dieSalasser, und die Cenomanen mit Brixia, Mantua (in dessen Nähe Andes, derGeburtsort des Dichters Mrgil lag), und dem Schlachtfeld von Bedriäcum (69 n- Chr.); aufdem südlichen Ufer die Bojer mit den Städten Parma, Mutkna (Modena), Bononia(Bologna, in etruskischer Form Felfina), die Ling önen um Rav enna herum. Am weitestengegen Süden, schon auf mittelitalischem Gebiete, wohnte der gallische Volksstamm derSen önen,