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Erster Band.
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565
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H 257. Fünftes Kapitel: Das römische Kaisertum (80 v. Chr. bis 395 n. Chr.). 565

Bücher Zkenia und Apophoreta. Sein Witz ist zwar immer treffend und scharf, seine Zeich-nungen sind ebenso treu als vollendet, aber um das Interesse seines Publikums rege zu erhalten,um auch die übersättigten Gaumen der Hofleute noch zu reizen, war er genötigt, in die Tiefendes Widrigen hinabzusteigen und den Skandal in das Bereich der Poesie zu ziehen. Dabeimuß man aber nicht vergessen, daß es diesem Dichter gelang, die Poesie vom Rhetorischenzu erlösen und wieder zu einer lebendigen Macht zu gestalten. Nichts Gemachtes undSchablonenhaftes tritt uns entgegen, und überall wirkt auf uns der Zauber einer kräftigenOriginalität. — Lucian, aus der Stadt SamosSta in Commagene, schrieb griechisch. Erwidmete sich, trotz seiner Armut, der Philosophie und Redekunst, machte dann große Reisendurch die Länder der römischen Reichs und erwarb sich durch Unterricht so viel Vermögen,daß er in Athen den Wissenschaften und der Schriftstellern leben konnte. Der Verlust seinesVermögens nötigte ihn, unter den Antoninen in den Staatsdienst zu treten; er erhielt einRichteramt in Ägypten, das er bis an seinen Tod bekleidete. In seinen zahlreichen, meistin leichter, gefälliger Gesprächsform verfaßten satirischen und philosophischen Schriften ver-spottet er mit unerschöpflicher Laune und treffendem Witz die Gebrechen und Verkehrtheitender Zeit, vor allem die philosophischen Theorien, den Mysticismus und den religiösenAberglauben, sowohl in dem absterbender Heidentum mit seiner Mythen- und Fabelwelt,seinen Opferfesten, Symbolen und Ceremonien als in dem schon damals durch Wunderglaubenund Schwärmerei vielfach entstellten Christentum. Dabei macht sein frivoler Spott keinenUnterschied zwischen dem Kern und der Schale, sondern zieht mit gleicher Leichtfertigkeitgegen alle religiösen Erscheinungen zu Felde, ohne Einsicht und Kenntnis von dem Christen-tum, in dem er nur eine der vielen auf Täuschung, Betrug und Leichtgläubigkeit beruhendenorientalischen Lügenreligionen erblickte. Auf gleiche Weise ergießt er seinen Spott über diesittliche Versunkenheit und das leere, eitle Treiben großer Städte, über das Jagen undHaschen nach zeitlichen Gütern, Ehren und Genüssen bei der Vergänglichkeit alles Erdenglücks,über die Hoffart und Eitelkeit der Gelehrten und Philosophen, die die abgedroschenenGrundsätze und Aussprüche ihrer Lehrmeister im Munde führen und mehr Gewicht auf dieäußere Erscheinung, auf Bart und Philosophenmantel, legen als auf Grundsätze fürsLeben; auch die verkehrte Erziehung nimmt er in den Bereich seiner witzigen Ausfülle.Zweifellos war Lucian der witzigste und geistreichste Schriftsteller der Kaiserzeit. Dergriechische Stil, den sich der syrische Semit angeeignet hatte, fließt mit wunderbarer Leichtig-keit und funkelt von zahllosen Reminiscenzen aus den klassischen Periode der Hellenen.Die heitere Klarheit und Schönheit des Hellenentums gegen Heuchler und Halbbarbarenzu schützen, war der Kern seiner Thätigkeit, und darum hat Lucian zu allen Zeiten vielBewunderer und Leser gefunden.

In den übrigen Zweigen der Poesie wurde nichts Bedeutendes zu Tage gefördert.Man hielt sich an die vorhandenen Muster und ahmte namentlich den Virgil fast sklavischnach. Der bemerkenswerteste Dichter der Kaiserzeit ist der durch seine Hinrichtung unter Nero(Z 247) bekannte M. Annäus Lucanus (39—65), dessen unvollendetes Epos „Pharsalia"weniger durch seine poetischen Vorzüge als durch den kräftigen republikanischen Geist, derdarin weht, ausgezeichnet ist. Durch die stoische Philosophie gegen die Laster der Zeit gestählt,hauchte er seinen ganzen sittlichen Unwillen, den er auf keine andere Weise kund geben konnte,in seinen Versen aus. Den unpoetischen Stoff suchte er zu heben durch edle Gesinnung, er-habene Lehren und patriotische Begeisterung. Freilich müssen häufig „schimmernde Sentenzen,pathetische Reden und ein stürmischer Gang der Erzählung den klaren Zusammenhang an-schaulicher Handlung vertreten". — Ein trockener Nachahmer Virgils war Silius Ita-liens, ein reicher, gebildeter Staatsmann (fi 101 n- Chr.), der ohne alle Dichtergabenden zweiten punischen Krieg in ein episches Gedicht kleidete. — Talentvoller war P.Papinius Statius, ein Schmeichler des Tomitian, welcher außer zwei epischen Gedichtenüber Achilles und des Oedipus Söhne eine Anzahl zierlicher lyrischer Gedichte verfaßte, dieer ihrer Mannigfaltigkeit wegen „Wälder" benannte und in denen er griechische Dichtermit Glück nachahmte. Seine dem Idyll am nächsten stehenden Gedichte „sind (wie Ribbecksagt) Kinder des Augenblicks, Improvisationen, mit denen die immer sprudelnde poetischeQuelle des Neapolitaners die Launen seiner hohen Gönner befriedigte, ohne viel Kunstund Überlegung, in wenig Tagen oder Stunden hingeworfen; aber der Geist, der inden anmutigen Genrebildern weht, ist so rein und harmlos, so naiv und fast kindlich, daßman vergeblich darin den düstern Hintergrund sucht, den sie verhüllen. Nirgends findetsich eine Anspielung auf die Greuel der letzten Zeit Domitians, obwohl gerade den neun-ziger Jahren die meisten Gedichte angehören; überall waltet Friede oder wenigstens stillergebene Resignation. Den Tadel kennt der Dichter kaum; außer einigen mißbilligendenBlicken auf längst Vergangenes erscheint die Gegenwart im rosigsten Lichte. Diese fast

Lucian

125—200

Lucanus

39—65

Silius

25—101

Statius

45-98