Z 257. Fünftes Kapitel: Das römische Kaisertum (30 v. Chr. bis 395 n. Chr.). 567
einen trefflichen Bearbeiter in Arrian gefunden, einem Griechen aus Kleinasien,der bei Hadrian in hoher Gunst stand und, wie sein Vorbild Lenophon, alsPhilosoph, Staatsmann und Feldherr hervorragte; die Geschichte des römischenReichs, besonders die Geschichte des ersten und des zweiten Bürgerkriegs wurdevon Appian u. a. behandelt; durch Älians Buch über die Taktik der Hellenenist die Kriegsgeschichte vielfach beleuchtet worden. — Hieran schloffen sich eineganze Reihe anderer wissenschaftlicher Arbeiten; ein anderer Älianus hat zuHadrians Zeit in zwei Sammelwerken, „Vermischte Geschichten" und „Tier-geschichten", eine Menge lehrreicher Notizen und Nachrichten aus verschiedenenZweigen der Altertumskunde, wenn auch ohne Kritik und Ordnung, hinterlassen.
Mus Aristides aus Mysien feierte unter Kaiser Mark Aurel in seinen „heiligenReden" mit schwärmerischer Verehrung den Asculapius, der ihm in TräumenHeilung von einer vieljährigen Krankheit und ein neues Leben verhieß, währendsein Freund, der Ephesier Artemidoros, in einem „Traumbuch" die Erklärung der ros um iWTräume, welche die Götter „der von Natur prophetischen Menschenseele senden",zu einer „heiligen" Wissenschaft ausbildete. — Auch die Heilkunde verdankt denGriechen ihre wissenschaftliche Ausbildung; Galenus aus Pergamum, der Leib-arzt des Hadrian, ein unendlich schreibseliger Mann, hat in seinen zahlreichenmedizinischen Schriften, von denen noch über hundert erhalten sind, die Er-fahrungen und Beobachtungen des Hippokrates (§ 130) und anderer ältererHeilverständigen systematisch zusammengesaßt und mit eigenem Wissen bereichert,und an ihn haben sich dann alle die antiken „Mediziner" in ihrer wissenschaft-lichen Thätigkeit angeschlossen. Niederschlüge dieser griechischen Schriftstellerei inlateinischer Sprache finden sich sehr vereinzelt und gehören meist der folgendenEpoche (Z 269) an. Die großen Werke des Philosophen Seneka und dieArbeiten der beiden P linius sind in ihrer Auffassungssorm den gleichzeitigengriechischen Arbeiten verwandt, stellen sich aber in ihrem Inhalt als das Er-gebnis der Studien früherer Litteraturepochen dar, zeigen vor allen Dingeneinen unverkennbaren Anschluß an den Alexandrinismus (8 152—154). Dasgleiche gilt auch von der Philologie: nachdem die echte Poesie aus demLeben und der Litteratur verschwunden war, befaßten sich Grammatiker undKommentatoren mit der Erklärung der altklassischen Dichter, suchten denerrungenen Sprachschatz vor Verfall und Untergang zu retten und benutzten dievorhandene Litteratur zu Sammelwerken und AuSzügen vermischten Inhalts.
Unter den lateinischen Geschichtschreibern der Kaiserzcit sind folgende zu nennen.^- Lateinisch-O. CurtiusRufus übertreibt Alexanders großartige Thaten durch prunkende Schilderungen schr-ib-rund rhetorische Deklamation ins Fabelhafte und verrät weder Wahrheitssinn, noch Kennt- Q. Curttusnisse. C. Bellejus Paterculus, der Bewunderer des Tibertus und Sejan, zu derenE^nChr.Zeit er lebte, schrieb einen gedrängten Überblick der römischen Geschichte, worin er die M n. Chr.republikanische Zeit mit einem kurzen pomphaften Lob abthut, die Kaiserzeit dagegen „imStil einer Hofzeitung" darstellt: es liegt ihm vor allem daran, die Persönlichkeiten hervor-treten zu lassen, und darum ist bei ihm die Charakteristik besonders durchgebildet. UnterTiberius verfaßte Valerius Maximus eine Sammlung denkwürdiger Thaten und BaleriusÄußerungen von Römern und Nichtrömern, die rhetorischen Zwecken dienen sollte und iNumsun^Chr.rhetorischem Stile geschrieben war. — Der größte Historiker, P. Cornelius Tacitus Tacitusist an Charakter, Bildung und Lebensanschauungen der alten Zeit und den unter-gegangenen Geschlechtern des Freistaats verwandt und ragt wie die letzte starke Säuleeines zertrümmerten Bauwerks in die anders geartete und anders gesinnte Kaiserzeithinein. Er ward zu Jnteramna im südlichen Umbrien um das Jahr 54 unserer Zeit-rechnung geboren und ist unter Hadrian gestorben, ohne daß man den Zeitpunkt genauerangeben könnte. Nachdem er unter Vespasian einige obrigkeitliche Ämter bekleidet und sichdann der Schreckensherrschaft Domitians durch Schweigen und Zurückhaltung entzogenhatte, wandte er sich unter Trajan in vorgerückten Jahren der Geschichtschreibung zu.
Wenn der oben erwähnte „Dialog über die Redner", der ihm mit ebensoviel Eifer ab-gesprochen als zugeschrieben werd, wirklich von Tacitus herrührt, so war er sein erstes Werk.
Im Jahr 98, kurz nach der Zeit seines Konsulats, verfaßte Tacitus die treffliche Lebens-beschreibung seines Schwiegervaters Agricola (ß 249), des Eroberers von Britannien, der