570
Drittes Buch: Römische Geschichte.
Z 257.
warm, nimmt man allgemein an. Sie sind den griechischenMythenkreisen entnommen: „Medea";der „rasende Herkules", der „Oetäische Herkules", „Hippolytus", „Oedipus", „Agamemnon",„Thyestes". Weit entfernt, der Wahrheit der hellenischen Vorbilder nachzustreben, suchendie Tragödien Senecas Effekt zu machen durch überschwengliches Pathos und hohle Dekla-mation, durch Übertreibungen im Schrecklichen und Gräßlichen, durch den Prunk mytho-logischer Gelehrsamkeit und durch eine Fülle schimmernder Betrachtungen und witzigerSentenzen. An sie schließt sich an die sicher nicht von Seneca herrührende einzige römischePraetexta (H 204), die uns erhalten ist, „Oktavia", die das tragische Schicksal der GattinNeros (Z 247) behandelt, das Werk eines mitfühlenden Zeitgenossen, dem das Schicksal derunglücklichen Fürstin zu Herzen gegangen war. — Die überlieferte Angabe, daß der römischePhilosoph, in dessen Schriften sich manche Übereinstimmungen mit christlichen Ansichtenfinden, mit dem Apostel Paulus in Verbindung, ja sogar in Briefwechsel gestanden habe, ist,wenn auch nicht unmöglich, doch geschichtlich nicht nachweisbar. Seneca hat auf das Geistes-leben der Mit- und Nachwelt mächtig eingewirkt. Im Gegensatz zu den Anschauungen deralten Welt, die den Menschen nur als Staatsbürger, das Sittliche nur in Beziehung aufNation und Vaterland kannte und gelten ließ, nahm Seneca den Gedanken der „antikenHumanität" (Z 208) wieder auf, erhob sich, ihn erweiternd, auf einen rein menschlichen Stand-punkt, lehrte ein Sittengesetz, das die ganze Menschheit umsassen sollte, und stellte einesittliche und göttliche Weltordnung dem Reiche der Wirklichkeit gegenüber mit sichtlicherUngleichung an die später zur Herrschaft gelangten christlichen Lehren. Er war ein Mannvon großer Begabung, der mit einer reichen und lebhaften Phantasie und einem schöpferischenGeiste einen scharfen Verstand, ein umfassendes Wissen, ein empfängliches Gemüth verband;aber es fehlte ihm die Willenskraft, inmitten einer entarteten Umgebung dem erkanntenGuten und Wahren ohne Wanken anzuhangen.
ä Die Wie zur Zeit der Republik Varro G 240) alle Merkwürdigkeiten, welche Italiens
Plinius Völkerschaften in ihrem geschichtlichen, bürgerlichen und religiösen Leben auszuweisen hatten,in einer Anzahl umfassender Sammelwerke zusammenstellte, so hat in der Kaiserzeit der gelehrtePiinius der C. Pliuius Secundus aus Comum in Oberitalien mit unermüdlichem Fleiße allesW- 7 S zusammengetragen, was das Altertum über die Natur im allgemeinen wie in ihren einzelnenTeilen und Erscheinungen und über ihre Beziehungen zum Menschen erforscht und aufge-zeichnet hat. Trotz der hohen Staats- und Militärämter, die er bekleidete, fand er Mußezu den ausgedehntesten Studien, bis er als Märtyrer seiner Wißbegierde beim Ausbruchdes Vesuv seinen Tod fand (Z 250). Pliuius hat in seiner Naturgeschichte oder Ency-klopädie der Naturwissenschaften (mit Einschluß der Astronomie, Geographie undKunstgeschichte) der Nachwelt ein Riesenwerk hinterlassen, zu dem er die Kenntnisse ausmehr als 400 Schriftstellern sammeln mußte. Ist auch die ungeheure Arbeit nicht in allenTheilen gleich zuverlässig und kritisch gesichtet, ist auch sein Stil ungleichartig, indem dieSprache bald hochtrabend und schwülstig, bald trocken und dürr erscheint, so ist doch dasWerk von hoher Bedeutung, vor allem in den Büchern 33—37, die eine der vornehmstenQuellen für die antike Kunstgeschichte darstellen. Neben diesen Büchern verfaßte Pliniusnoch andere, historische Arbeiten, die die Kriege mit den Deutschen und die Zeit von 41—71^handelten und jetzt verloren sind. — Sein Neffe und Adoptivsohn C. Plinius Secundus°riL-"is"der Jüngere, ein Schüler Ouintilians und Liebling des Kaisers Trajan, durch den er zumKonsulat und dann zur Statthalterschaft von Bithynien (H 251) berufen wurde, war ein edler,mit allen Gütern der Bildung und des Glücks ausgerüsteter Mann. Dem Cicero nacheifernd,verwandte er seine Muße auf die Abfassung von Briefen an einige Freunde, deren Feinheitund Zierlichkeit in Sprache, Ton und Wendungen einen hohen Begriff von der geselligenBildung und der geistreichen Unterhaltung der Zeit geben, die aber auch durch ihre Künstlich-keit und gezierte Manier den Beweis liefern, daß damals ein Werk freierer Geistesschöpfungschwerlich mehr entstehen konnte. Dasselbe geht auch aus Plinius' zweiter Schrift, der imSenate vorgetragenen Lobrede (Paneghricus) auf Trajan hervor, worin das Haschen nachgeistreichen Wendungen und witzigen seinen Ausdrücken den Leser von natürlichem Gefühlwiderwärtig berührt. Ganz anderer Art ist die Korrespondenz zwischen ihm und Trajan,gewöhnlich als 10. Buch bezeichnet, wirkliche Briefe, in denen sich Plinius als ein sehrmäßiger Verwaltungsmann darstellt, während die Entscheidungen Trajans (auch in Bezug aufdie Christenversolgungen sll, Z 2j) sich durch lapidare Kürze und scharfes sachliches Ein-dringen auszeichnen.
Unter den Grammatikern und Verfassern von Sammelwerken haben sichRhetorsn manche durch ihre Notizen, Erklärungen und Auszüge um das Verständnis der klassischenPalLmon Literatur sehr verdient gemacht. Unter ihnen ist besonders der berühmte Grammatikerum so Q. Remmius Palaemon zu nennen, der mit seiner Doctrin die ganze Zeit beherrschte.