Z 268. Fünftes Kapitel: Das römische Kaisertum (30 v- Chr. bis 395 n- Chr.). 599
niens, erhielt sich der naive Glaube an die Himmlischen. Gehalten wurde dasHeidentum bis Constantin nur durch die Staatsraison, die auch den kaiserlichenThron mit göttlichem Glänze umgab, die gestorbenen Imperatoren in den Himmelerhob (Apotheose) und ihnen Priesterschaften und reiche Opfer zuwies. Nebender inneren Hohlheit steht aber der merkwürdige Zug der Römer, möglichstlange die Form einer ausgelebten Sache festzuhalten. Die Details der Mytho-logie hatte man schon lange vor Lucians vergnüglichen Possen (H 256) preis-gegeben, ja sogar auf der Bühne in Mimus und Ballet ins Lächerliche ziehenlassen. Aber der am Formalen haftende Sinn der Römer hat es noch Jahr-hunderte lang, nachdem St. Peter die Kathedrale Roms geworden war, durch-gefetzt, daß die vestalischen Jungfrauen das heilige Feuer hüteten, und auch heutenoch kann der aufmerksame Beobachter des katholischen Gottesdienstes im Südenaltheidnische Auffassungen unter den sinnlich wirkenden Ceremonien hindurch-scheinen sehen. Freilich nur das Formale erhielt sich. Der religiöse Kern warschon längst geschwunden. Die schon frühe beobachtete Mischung der G ötter(Theokrasie) nahm immer mehr zu. Der keltische Dienst hat allerdings wenigEinwirkung gehabt; in Gallien und Spanien bemühte man sich eher, VeraltenDruidenreligion ein römisches Gewand anzulegen, wozu die römischen Garnisonenbeitrugen, die sich willig an die Volksreligion anschlössen, aber doch die hei-mischen Formen wahrten. Auch für die noch wenig ausgestaltete deutscheReligion (II, Z 14) hat der Römer nie ein Verständnis gewonnen. — 11mso machtvoller blieb, wie schon früher gesagt (Z 208), die Einwirkung derVorderasiaten. Baal (§ 24, 41), der alte Semitengott, hielt unter den ver-schiedensten Formen und Anschauungen seinen Einzug im Gottesdienst der Römer.Heliogabal machte sich sogar zu seinem Priester. Einen noch größeren Einflußübte Astarte, die große Mutter (Z 24, 41) alles Lebens, mit ihren vielenVariationen. Dann traten die ägyptischen Götter heran, die mit der denÄgyptern eigenen Hartnäckigkeit im alten Nillande weiter angebetet wurden.Osiris und Isis standen neben Anubis und Serapis (Z 35).
Vom dritten Jahrhundert an trat ein großer Umschwung in der gebildetenWelt ein. Man gab den Jndifferentismus und Materialismus auf undwandte sich einerseits zu der Wundergier und dem Aberglauben des gemeinenVolks, andererseits fand man wirkliche Befriedigung im Neuplatonismus, der,wie I. Burkhardt sagt, die Philosophie mit dem potenziertesten Aberglauben zuverbinden wußte. Die ganze Welt war damals von der Lehre eines bessernJenseits überzeugt, die sich ein jeder in seiner Weise zurechtlegte. Schon dasfrühe Altertum hatte sie gekannt (Pythagoras Z 89, die eleusinischen Mysterienß 87), und an den alten Mhsterienglauben schlössen die neuen Mysteriensich an. So die des Sabazios und des Serapis, der Hekate und der Isis,in denen allen nach Erfüllung gewisser geheimer Bräuche den Mysten (Ein-geweihten) ein glückseliges Leben nach dem Tode gewährleistet ward. Diemächtigste Geheimreligion war der schon früher erwähnte (Z 255) Mithras-dienst, der in den letzten Tagen des Heidentums in den des „unbesiegtenSonnengottes" überging. Damals entstanden, soweit die römische Tuba klang,überall die geheimnisvollen Höhlen, in denen dieser Gottesdienst begangenward (Mithräen), und selbst gewaltige Herrscher wie Aurelian verschmähtenes nicht, alle Ceremonien auf das sorgfältigste zu beobachten.
Aber nicht nur das Jenseits war Gegenstand der religiösen Betrachtung;auch die wichtigsten Fragen des Diesseits suchte man sich durch Anfragen andie Gottheit zu beantworten. Das alte Orakelwefen war abgenutzt, dafür tratendie neuen Wissenschaften der Astrologie, Magie und Dämonologie ein.Zunächst kam die Sterndeuterei, deren erste Adepten sich schon in den grauestenZeiten der orientalischen Geschichte fanden (§ 25). Aus dem Stande der Sterne zugewissen Zeiten suchte man zu erkunden, was in jedem einzelnen Falle zuthun war. So lernte man damals aus den Konstellationen bei der Geburt
Eindringen
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glaube
Astrologieund Magie
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