Band 
Dritter Band.
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110
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Institution

Politischeund religiöseParter-kämpfe inGenf

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110 Erstes Buch: Das Zeitalter der Entdeckungen und der Reformation. 8 75.

legte, widmete sich darauf in Orleans und Bourges auf den Wunsch desVaters erst der Theologie, dann der Jurisprudenz, beschäftigte sich aberdaneben sehr viel mit humanistischen Studien. Hierbei wurde er An-hänger der Reformation Luthers, ohne dessen Seelenkämpfe durchzumachen.Um der Verfolgung zu entgehen, begab er sich Ende 1534 nach Straßburgund Anfang des nächsten Jahres nach Bafel. Hier vollendete er seingrundlegendes Werk, die Institutio reliZioms llüristianrm (Unterricht derchristlichen Religion), wandte sich aber. Wohl aus Besorgnis vor neuerVerfolgung, kurz vor dessen Veröffentlichung nach Italien. Am Hofe derprotestantisch gesinnten Herzogin Renata von Ferrara (Z 114), einer TochterLudwigs XII. von Frankreich, fand er eine Zufluchtsstätte, mußte aberbald vor der Inquisition fliehen. Nach kurzem Aufenthalt in der Heimatwollte er nach Basel oder Straßburg gehen; auf der Reife dahin wurdeer von Wilhelm Farel, der ihm mit dem Fluche Gottes drohte, wenn erden Genfer Protestanten nicht Beistand leisten würde, in Genf festgehalten:damit begann seine weltgeschichtliche Wirksamkeit.

Die Institution ist in den späteren Auflagen auf das Fünffache ihres Umfanges ge-wachsen, indes alle grundlegenden Gedanken finden sich schon in der ersten. Zunächst bestimmtzur Rechtfertigung der französischen Glaubensgenossen Calvins, enthielt sie den folgerichtigstenAngriff gegen die alte Kirche und wurde das kanonische Buch des Calvinismus, nach demAusdruck der Gegner der „Talmud der Ketzerei". Calvins Lehre ist von vornherein vielkonsequenter, viel dogmatischer durchgebildet als die Luthers; im Mittelpunkte steht deraugustinische (II, Z 11), anfangs auch von Luther übernommene, aber dann nicht weiterge-bildete Gedanke der Prädestination, der nirgends mit solcher Schroffheit wie hier aus-gesprochen ist. Wenn die Erlösung des Menschen nicht durch eigne Kraft, sondern durchdie göttliche Gnade erfolgt, so muß der allmächtige und allwissende Gott die Menschen vonAnfang an zur Seligkeit oder zur Verdammnis bestimmt haben. Wer zur Gnade berufenist, kann nicht aus ihr fallen; wer zur Verdammnis erwählt ist, kann ihr nicht entgehen,was er auch tue. Der Mensch soll nicht über diesen Ratschluß Gottes grübeln, sondern sohandeln, als ob er zur Gnade erwählt sei. Die Gemeinde besteht aus den von Gott zurGnade Erwählten; da man diese nicht kennt, sind zunächst alle dazu zu rechnen, die sich dazuhalten, aber es muß zugleich die strengste Zucht geübt werden, um Unwürdige auszustoßen.Diese Zucht übt die Gemeinde selbst durch ihre „Diener" (die Geistlichen). So steht hierder demokratische Grundsatz der Gemeindeautonomie im Gegensatz zu der landesherrlichenLeitung der lutherischen Kirche. Und während Luther auch den Gehorsam gegen jederechtmäßige Obrigkeit predigt, erklärt Calvin, daß nur der Obrigkeit zu gehorchen sei, dienichts wider Gott gebiete. So bedroht er auch König Franz I-, an den daS Werk gerichtetwar, mit der göttlichen Strafe, falls er sich nicht dem rechten Glauben zuwende.

§ 75. Calvin in Genf. Als Calvin nach Genf kam, herrfchten dortschon seit lange politische und religiöse Wirren. Wie an so vielen anderenStellen, war auch hier das werdende Landesfürstentum und die werdendeStadtfreiheit (II, Z 298) feindlich aufeinander gestoßen. Die ganz vonsavoyischem Gebiete umgebene Stadt stand im Mittelalter unter der Herr-schaft ihres Bischofs. Die Herzöge von Savoyen aber strebten danach, sieihrem Lande einzuverleiben; sie übten als „Vidomne" die Vogtei underreichten es, daß im 15. Jahrhundert zumeist Mitglieder ihres Hauseszu Bischöfen erhoben wurden. Herzog Karl III. (1504—1553) schien dieEinverleibung zu erreichen; mit Hilfe des Bischofs und einer ihm ergebenenPartei, den sogenannten „Mameluken", gelang es ihm, die Gegnergewaltsam niederzuwerfen. Indes die damit begründete Zwangsherrschaftwar nicht von Dauer. Die geflohenen Freiheitsfreunde, deren HauptBesanzon Hugues war, fanden Unterstützung bei Freiburg und Bern;die Mameluken unterlagen in Genf, setzten den Kampf zwar noch längereZeit im Waadtland fort (dabei wurde der Genfer Geschichtschreiber Boni-