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Erstes Buch: Das Zeitalter der Entdeckungen und der Reformation. Z 94.
Lgsb.Äo" Pulci eröffnete den Reigen mit dem unvollendeten Rittergedichte OiriLo 6al-
vairao und mit der Schilderung eines Turniers Cliostra cki I-oran^o äs' Lleäici. SeiniW—^isvi>er Luigi Pulci überflügelte ihn weit mit dem weitschichtigen NorArrnte ruaMvis,dessen 28 Gesänge in Stanzen die Abenteuer des von Roland bekehrten Riesen Morganteganz im Sinne und Geschmacke der vornehmen Welt jener ironischen und ungläubigen Zeiterzählen. Hier bietet sich das Widerspiel zur neuplatonischen Schwärmerei der Akademie,nämlich die Denkweise und Auffassung der Männer, die nur für die Kehrseite des Treibensin der Welt, nur für die auf Dummheit oder Schlechtigkeit zurückzuführenden ErscheinungengA lÄ' ?.in Auge hatten. Der dritte Pulci, Bernardo, ging mit Idyllen und Elegien, wie mitÜbersetzungen aus Vergil eigene Wege.
Äußeren Umständen, nämlich dem Wandel der Verhältnisse in Florenz,verdankte der Hof der Este, daß Ferrara zum Musensitze erhoben wurde.
I 4 A—Hier trat zuerst der Graf von Scandiano, Matteo Maria Bojardo, mit demOrlauäo iunaworato (verliebtem Roland), einem großangelegten, unvollendeten Epos indem geschilderten landläufigen Stile, als Dichter auf. Doch läßt er der zersetzenden Ironienicht die Zügel schießen, findet vielmehr auch Töne echter Begeisterung für die Ritterweltund zuletzt sogar Ausdrücke überzeugter Gläubigkeit- Eigentümliche Vorzüge besitzt seinWerk in phantasievollen Erweiterungen des alten Sagenstoffes z. B. durch die Frauenliebeund in der lebensvollen Charakteristik, die sich besonders in dem meisterhaft durchgeführtenGegensatze Rolands zu Rivaldo zeigt. Die Gestalt des Rodomonte lebt in den „Rodomon-taden" ebenso fort wie im sprichwörtlichen Ausdrucke die Erinnerung an die Fee Morgan«,die man „an der Stirnlocke fassen" muß, um glücklich zu werden. Daß Bojardo den Stamm-baum der Este über Ruggiero auf den Troischen Hektor zurückführt, ist bei dem Günstlingedes Hofes entschuldbar. Bojardo handhabte auch die künstlicheren Versgebilde, Sonette,Terzinen u. a. m., nicht ohne Geschick, und für seine Sprachgewandtheit zeugen zahlreicheÜbersetzungen, z. B. des Herodot, Tenophon, Apulejus usw.
i47^-°szs Den Höhepunkt erreichte die romantische Heldendichtung mit LudovicoAriosto aus Reggio in Oberitalien, wo sein Vater Bojardos Vorgänger inder Statthalterschaft war.
Der Rechtswissenschaft zog Ariost das Studium der alten Literatur vor, mußte sichdann wegen seiner Mittellosigkeit von seinem Gönner, dem Kardinale Jppolito d'Este, zuallerlei beschwerlichen und wenig einträglichen Diensten gebrauchen lassen, bis er vomBruder des Kardinals, dem Herzoge Alfonso I. (Z 122), eine Statthalterstelle erhielt. Späterlebte er in Ferrara seiner Kunst und der Bühne. Sein Orlanäo türiooo (Rasender Roland)setzt in 46 Gesängen, deren letzte der Sohn nach des Vaters Tode veröffentlichte, BojardosWerk nach Inhalt und in den Grundzügen der Darstellungsweise fort: dieselbe Helden-galerie, dieselbe bunte Reihe von Abenteuern hier wie dort, das gleiche Völkergewimmel,die gleichen Irrfahrten der Helden durch Abend- und Morgenland und dabei doch stets einSichfinden und Sichbegegnen; als entfielen Blumen und Früchte einem Füllhorn, so drängensich Rittertaten, Liebesgeschichten nicht ohne schlimme Zweideutigkeiten, Leidenschaften undNaturbilder. Aber jedes solches Gemälde lebt in jedem Zuge- Eine rege, immer neue undjugendfrische Phantasie geht durch das ganze Werk und mit ihrer Kraft und Verwegenheitverbindet sie eine Zartheit des Gefühles, die den Erfolg des Dichters bei der FrauenweltWohl erklärt und auch rechtfertigt. Duftig schwebt über dem Ganzen eine feine Ironie, diein zierlichen Versen Wunderdinge an Wunderdinge reiht, ihre Wahrheit weder glaubendnoch bestreitend. Prächtige Bilder fesseln die Einbildungskraft des Lesers und umgaukelnsie mit seltsamen Traumgebilden. Nicht minder hoch stellen den Dichter über seine Vor-gänger seine gewählte, sorglichst gefeilte Sprache, weises Maß in der zu Humor und Scherzabgemilderten Ironie auch gegen Kirche und Geistlichkeit, die bezaubernde Schalkhaftigkeit,mit der er den Stoff behandelt, und die kunstgerechte, liebevolle Ausführung der Einzelbilderbis ins kleinste. Freilich ist Ariost des massigen Stoffes nicht recht Herr geworden. Esfehlt der labyrinthischen Dichtung, in der eine atemlose Phantastik den Leser mit fort-wirbelt, an Einheit und Übersichtlichkeit, wohl auch den Personen das individuelle Gepräge.Ferner hat man schon frühe Bedenken gegen Ariosts rücksichtslose Aneignung fremder Er-zeugnisse und die Ausnutzung der Phantasiegebilde alter und neuer Dichter von Ovid bisBojardo geäußert. Gleichwohl hat der „Rasende Roland" selbst die Besten der Zeit entzückt,und die dichterischen Vorzüge, die dem Werke unverwelklichen Reiz verleihen und ihm nochim 16. Jahrhunderte zu 80 Auflagen verhalfen, machten Ariosts Namen bereits bei denZeitgenossen zum gefeiertsten aller Dichternamen. Diesem durchschlagenden Erfolge gegen-