H 111. Erstes Kapitel: Die innere Erstarkung der katholischen Kirche. 189
Das Lateinische steht im Mittelpunkt des Unterrichts und dient der formellen Geistesbildungund zur Vorbereitung der theologischen Studien. Damit sich aber der freie Geist des Alter-tums nicht der Geinüter bemächtige, las man die Klassiker nur in verstümmelter Gestalt.
Der Unterricht bezweckt ja nicht eine Entwicklung des jugendlichen Geistes zum selb-ständigen Denken; er war mehr ein Abrichten als ein Unterrichten. Die Jesuitenzöglingewurden fähig gemacht, in dem ihnen vom Schicksal angewiesenen Beruf zu wirken, denPosten, auf den sie- als Geistliche, Lehrer oder Gewerbleute gestellt wurden, auszufüllen, ohnesich um das, was über oder außer ihrem Bereich lag, zu kümmern; Geistesfreiheit er-schien gefährlich. Alle Wissenschaften wurden daher in eine bestimmte, engbegrenzte Formgebannt: alle Religionssatzungen und Einrichtungen der römischen Kirche wurden als gött-liche Wahrheiten über allen Zweifel gestellt, die Philosophie blieb die Magd der Theologie,die Geschichte war eine chronikartige Zusammenstellung vergangener Ereignisse, nicht einlebendiges Bild von dem Leben der Völker, und die Menschen und ihre Bestrebungen wurdennur nach dem Maßstabe, den die römische Kirche dafür aufstellte, beurteilt. In den Er-ziehungsmitteln haben die Jesuiten ihre Welt- und Menschenkenntnis bewährt und sich alsgute Pädagogen erwiesen; sie förderten körperliche Übungen (Fechten, Reiten, Schlittschuh-laufen, Schwimmen), veranstalteten gesellige Unterhaltungen, namentlich auch theatralischeAufführungen der Schüler; im übrigen aber gründeten sie ihr Erziehungssystem auf dieunedleren Triebe der Menschen: statt unter den Zöglingen Vertrauen und Freundschaft zupflanzen, erregten sie durch Aufstachelung des Ehrgeizes, durch Beförderung der gegenseitigenÜberwachung und Angeberei, durch strenge Zensuren, Belobungen und Prämien Mißtrauen,
Neid und Schadenfreude. Ihre Wirksamkeit war um so größer, weil sie auf der wirklichenBeschaffenheit der menschlichen Natur fußte; wer sich der menschlichen Schwächen zur Er-reichung seines Zieles bedient, geht nun einmal sehr oft sicherer, als wer auf Tugend baut;indes eine Erziehung, die sich diesen traurigen Umstand zunutze macht, um desto sicherer überdie Zöglinge zu herrschen, sie desto mehr zum unbedingten Gehorsam zu gewöhnen, ruht aufschlechtem Boden und verliert leicht die Hauptziele der Erziehung aus den Augen.
Wie in der Erziehung die Erfolge der Jesuiten besonders auf der klugen n, BeichteBerechnung der menschlichen Schwächen ruhten, so auch im Beichtstuhl, ihremzweiten Siegesfeld. Hier kam ihnen znstatten, daß sie im Gegensatz zu denschmutzigen Bettelmönchen der feine Orden waren, daß sie es verstanden, sichin den Salons der vornehmen Welt zu bewegen und hier eine Rolle zu spielen,daß sie sogar, wenn es vorteilhaft erschien, zeitweilig ihre Zugehörigkeit zumOrden verleugnen durften. Wurden sie schon durch diese ihre Weltgewandt-heit die gesuchten Beichtvater der Fürsten und vornehmen Kreise, so nochmehr durch ihre Sittenlehre, durch die sie es dem Beichtenden so leicht alsmöglich zu machen suchten.
Durch eine spitzfindige Kasuistik wird die sittliche Verantwortlichkeit des Menschen Sitt-niehremöglichst gemindert, freilich auch die Grundlage jeder Moral, Treu und Glauben, unter-graben, die mahnende Stimme des Gewissens ertötet. Wer in seinem Handeln einer wahr-scheinlichen (probablen) Meinung folgt, d. h. einer, für die irgendwelche Autorität spricht,sündigt selbst dann nicht, wenn fein Gewissen fein Handeln verurteilt (Grundsatz desProbabilismus); wer bei einem Versprechen oder einem Eide anders denkt, als er spricht(rssorvatio inentalis, Gedankenvorbehalt), ist an seine Worte nicht gebunden; wer durchAnwendung zweideutiger Worte (Amphibolie) einen anderen täuscht, begeht kein Unrecht,selbst wenn er weiß, daß der Sinn, in dem diese Worte aufgefaßt werden, von seiner An-sicht abweicht. Der vielangefeindete Satz: „Der Zweck heiligt die Mittel" ist zwar in dieserSchroffheit nicht ausgesprochen worden, Wohl aber wurde aus zweckmäßiges Handeln und auf dieAnwendung aller für einen Zweck nötigen Mittel der größte Wert gelegt, und so galtPraktisch doch die Regel, daß der, welcher etwas Verbotenes tut um eines guten Zweckeswillen, nicht sündigt; auch der sündigt nur leicht, der sich nicht klar bewußt ist, daß eretwas Unrechtes tut. Selbst der Fürstenmord, sofern dadurch der Kirche ein Dienst geschieht,fand seine Rechtfertigung; daher die Zeitgenossen die Ermordung Heinrichs IV. und Wilhelmsvon Oranien und die Nachstellungen, von denen Elisabeths Leben bedroht war, den Ein-gebungen der Jesuiten zuschrieben.
Nach ihrer Staatslehre ist ja alle weltliche Macht der Kirche, d. h. dem un- Staatslehrefehlbaren Papste, untergeordnet; die Staatsgewalt ist nicht unmittelbar göttlichenUrsprungs, sondern entsteht durch Übertragung seitens des souveränenBolkes unter Sanktion der Kirche. Regiert nun ein Fürst zum Wohl