Z 117. Zweites Kapitel: Südeuropa unter spanischer Vorherrschaft. 199
Don Juans, gewußt und mit Enthüllungen gedroht, Perez und die Eboli hätten deshalbbeschlossen, ihn zu beseitigen. Jedenfalls erwirkte Perez von Philipp, dem er unter Hinweisauf die Pläne Don Juans (Z 132) den Escovedo als Staatsverbrecher bezeichnete, einenMordbefehl und ließ Escovedo durch gedungene Mörder erstechen. Die Verwandten Esco-si-Mitrz IL78vedos verlangten vom König eine Untersuchung gegen Perez und beschuldigten ihn dabeides Verhältnisses zur Eboli. Philipp zögerte lange aus begreiflicher Scheu vor unliebsamenEnthüllungen, endlich aber ließ er ihn und die Eboli verhaften. Perez wurde auf der 28. JuU ISISFolter zu Geständnissen gebracht, vermochte aber dann nach Aragon zu fliehen, wo er mitseiner Sache auch die aragonesischen Fueros (Z 160) verteidigte, und entkam schließlich nachParis. Die Eboli blieb zwei Jahre auf einer Festung, dann durfte sie in ihren Palast As"isi?zurückkehren. Nach dem Sturze des Perez wurde Kardinal Granvekla der erste Ratgeber gest.' i««Philipps. Er war der Sohn jenes Granvella, den wir als Minister Karls V. erwähnthaben, und trat nach des Vaters Tode (1550) an dessen Stelle; unter Philipp erhielt ereine hervorragende Stellung in den Niederlanden (Z 127) und wurde dann Vizekönig vonNeapel; jetzt vertrat er eine energische Eroberungspolitik gegen Portugal und Westeuropa.
Das Schicksal des Perez zeigt, wie skrupellos der König in der Wahl seiner Mittelwar, und eröffnet zugleich einen Einblick in das Treiben am Hofe. Die Fürstin Eboliführt uns zwar nicht durch den geschichtlichen Zusammenhang, wohl aber durch die Rolle,die ihr Schiller zuweist, zu dem düstersten Vorgang in der Familie des Königs, zu demGeschick des unglücklichen Don Carlos. Er war der Sohn der ersten Gemahlin Philipps, Ju»der Maria von Portugal. Die achtzehnjährige Mutter starb vier Tage nach seiner Geburt, 1545*und der Vater verbrachte die nächsten 14 Jahre zumeist in England und Flandern. Sokonnte sich ein auf Liebe und Vertrauen gegründetes Verhältnis zwischen Vater und Sohnnicht bilden. Seine nur acht Jahre ältere Tante Johanna, die Witwe des 1554 ver-storbenen Jnfanten von Portugal, deren Obhut der Prinz anvertraut wurde, gab dem eigen-willigen, schwächlichen, verwachsenen und verkrüppelten Knaben zu viel nach. Dadurcherhielt seine ungestüme Naturanlage, seine fast krankhafte Reizbarkeit kein Gegengewicht;es kam noch hinzu, daß er häufig von Wechselfiebern befallen wurde. In Mcala, wo er zu-gleich mit Alexander Faruese von Parma (A 133) und Don Juan d'Austria den Studien oblag,stürzte er eines Abends, als er zu einem Stelldichein mit einer Pförtnerstochter eilte, von einer 1562dunklen Treppe und verletzte sich so stark am Kopfe, daß er in eine schwere Krankheit fiel.
Er genas zwar — wie er meinte, durch die Wunderkraft der Gebeine des Franziskaner-mönches Diego, die man auf sein Bett legte —, aber es ist nicht unwahrscheinlich, daßdiese Gehirnerschütterung dauernden Nachteil für die Geisteskräfte des Prinzen gehabt hat;war er doch, wie alle Nachkommen der „wahnsinnigen" Johanna, schon erblich belastet.
Jedenfalls zeigte er sich seitdem noch zügelloser, ergab sich den niedrigsten Ausschweifungen,folgte all seinen Launen, bekundete bald despotische Willkür und gefühllose Roheit gegenMenschen und Tiere, bald mildes Entgegenkommen: es fehlte ihm eben jede Selbstzucht,und so entwickelte sich sein Wesen im direkten Gegensatz zu dem seines kalten, verschlossenen,sich stets beherrschenden Vaters. Mag dieser ihm auch seit der Krankheit eine gewisse Teil-nahme gezeigt haben, so sah er ihn doch als ungeeignet für die Staatsgeschäste an undhielt ihn davon fern. Um so leidenschaftlicher strebte der Prinz nach einer seinem Rangeentsprechenden Betätigung im Staate; je lebhafter dieser Wunsch hervortrat, um so miß-trauischer wurde der König, der dem Sohne in dem Fürsten Eboli einen Hosmarschallund Späher gab. Nun richtete eine Oppositionspartei, wie das so häufig geschehen ist, auchhier ihre Blicke auf. den Prinzen; es hieß, die aufständischen Niederländer wünschten ihndorthin zu ziehen, und der Prinz sei diesem Wunsche geneigt; als Alba sich bei seiner Ab-reise nach den Niederlanden von Carlos verabschiedete, war dieser so gereizt, daß er denDolch gegen den Herzog zückte. Philipps Mißtrauen stieg immer mehr, und das ersteOpfer dieses Mißtrauens wurde Montigny, der Abgesandte der Niederländer (Z 129); erwurde 1567 verhaftet, später (1570) ist er heimlich im Gefängnis ermordet worden. UmWeihnachten 1567 enthüllte Carlos feinem Oheim Don Juan d'Austria seine Absicht, nachden Niederlanden oder nach Wien zu seiner Braut Anna von Österreich zu fliehen; zugleichgestand er seinem Beichtvater, daß er seinen Vater ermorden wolle, und verlangte, als derPriester ihn nicht absolvieren wollte, von ihm für die bevorstehende gemeinschastliche Kom-munion der königlichen Familie eine ungeweihte Hostie. Beides wurde dem König gemeldet, undnun beschloß dieser, den wohl nicht mehr voll zurechnungsfähigen Prinzen unschädlich zumachen: in der Nacht vom 19. zum 20. Januar 1568 begab er sich, von dem Fürsten Eboliund anderen Herren begleitet, in das Zimmer des Prinzen und stellte ihn unter strengeAufsicht. Am nächsten Tage erklärte er im Staatsrat, die Pflicht gegen Gott und die Rück-sicht auf die Wohlsahrt des Reiches habe ihn zu diesem Schritte gezwungen; dabei solle»